Medieninformation vom 15. Januar 2016

Notaufnahmen deutschlandweit am Limit

Stellungnahme zur Krankenhaus-Reportage von Team Wallraff



DGINA zeigt sich besorgt über aktuelle Entwicklung in der Notfallversorgung und warnt vor den Folgen

Für ihren Undercover-Report »Profit statt Gesundheit: Wenn Krankenhäuser für Patienten gefährlich werden« hat ein Team um Enthüllungsjournalist Günter Wallraff verdeckt und mit versteckter Kamera in Kliniken recherchiert – unter anderem in der Notaufnahme der HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden (HSK).
Berichtet wurde etwa über Engpässe bei der Aufnahme von Notfällen, lange Wartezeiten für Patienten, die hohe Arbeitsbelastung und die Auswirkungen des Personalmangels. Für die Deutsche Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) sind die Recherche-Ergebnisse hinsichtlich der Arbeitsbelastung nicht überraschend. Die Interessenvertretung der in Notaufnahmen tätigen Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienstmitarbeiter verfolgt die aktuelle Entwicklung in der Notfallversorgung schon lange mit großer Sorge: „Die Situation spitzt sich in immer mehr deutschen Kliniken zu«, sagt der Präsident der DGINA, Prof. Christoph Dodt. Viele Notaufnahmen würden am Rande ihrer Belastbarkeit arbeiten und angesichts der angespannten Lage Alarm schlagen.

Falsche Eindrücke durch eindimensionale Sichtweise

Die Gründe dafür seien allerdings weitaus vielschichtiger und hätten aus Sicht der Notfallgesellschaft deutlich kritischer und differenzierter betrachtet werden müssen: »Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die die Versorgungssituation entscheidend beeinflussen. Sie unerwähnt zu lassen, führt zu falschen Schlussfolgerungen und damit zu einem verzerrten Abbild der Wirklichkeit«, so Dodt.

Längere Wartezeiten durch Selbsteinweiser

So sind die in der TV-Reportage angeprangerten langen Wartezeiten in erster Linie auf ein geändertes Verhalten der Patienten zurückzuführen: »In den vergangenen Jahren verzeichnen wir in den Notaufnahmen einen deutlichen Anstieg von Patienten, die eigentlich auch in einer Arztpraxis behandelt werden könnten«, erklärt der DGINA-Präsident. Selbst leistungsstarke Notaufnahmen würden vor diesem Hintergrund früher oder später an ihre Grenzen stoßen.

Viele Krankenhäuser haben deshalb inzwischen Ersteinschätzungsverfahren etabliert. Mit der strukturierten Erfassung des Gesundheitszustandes aller Patienten unmittelbar nach dem Eintreffen stellen sie sicher, dass bedrohliche Notfälle auch sofort behandelt werden. Als logische Konsequenz verlängert sich dadurch die Wartezeit für Selbsteinweiser, die mit einer leichten Verletzung oder Erkrankung kommen. Von den über 40.000 Patienten, die im vergangenen Jahr in der Notaufnahme der HSK behandelt worden sind, war jeder zweite ein Selbsteinweiser. Mehr als 80 Prozent der Patienten bedurften nur einer ambulanten Behandlung.

Unterfinanzierung und fehlende Weiterbildungsangebote verschärfen Personalsituation

»Dieses geänderte Patientenverhalten kostet nicht nur Geld und Zeit, sondern führt vor allem auch zu einem deutlich höheren Personalbedarf«, sagt Notfallmediziner Christoph Dodt. Da die ambulante Notfallversorgung an Kliniken nicht kostendeckend vergütet wird, könne eine ausreichende Personalstärke nur durch Subventionierung des Krankenhausträgers erreicht werden. Aber auch die Besetzung freier Stellen gestalte sich zunehmend schwieriger. Dabei sei der allgemeine Fachkräftemangel nur ein Aspekt: »Als Querschnittsfach ist die Notfallmedizin mit ihren spezifischen Besonderheiten äußerst komplex. Dementsprechend hoch sind die fachlichen und praktischen Anforderungen – sowohl an das ärztliche als auch das pflegerische Personal«, führt Dodt weiter aus. Gefragt seien Allrounder mit einem breiten und fundierten, fachübergreifenden Wissen sowie entsprechenden Skills.

Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern sind die notfallmedizinischen Kompetenzen in Deutschland derzeit jedoch noch über verschiedene Fachrichtungen hinweg verteilt. Mit Blick auf die Heterogenität bezüglich der Patientenklientel sowie das Spektrum an Krankheiten ist die Einführung einheitlicher Weiterbildungsangebote oder Zusatzqualifikationen allerdings dringend erforderlich. Nur so kann eine adäquate, qualitativ hochwertige Versorgung von Notfallpatienten auch in Zukunft gewährleistet werden.

Die Deutsche Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) ist eine medizinische Fachgesellschaft, die sich insbesondere für die Weiterentwicklung der Notfallmedizin und -pflege einsetzt. Sie sieht die Notfallmedizin als eine klinische Disziplin, die hauptsächlich in den Notaufnahmen betrieben wird, aber auch die präklinische Notfall-, die Katastrophen- und die Akutmedizin umfasst. Vereinsziele sind vor allem die Verbesserung der notfallmedizinischen Versorgung für Patienten und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der in der Notfallmedizin Tätigen. Zudem verfolgt die DGINA die Umsetzung des europäischen Ausbildungscurriculums für Notfallmedizin und strebt die Gebietsbezeichnung »Notfallmedizin« auch in Deutschland an.

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