Interview mit den DGINA Tagungspräsidenten (v.l.n.r.): Martin Pin, Dr. med. Ranka Marohl und Dr. med. Frank Wösten

„Mannschaftsspiel Notaufnahme“ – Notfallmedizin ist Teamwork!

Köln. Mitarbeiter von Rettungsdiensten, der Krankenhauspflege sowie Ärzte aller Fachrichtungen, alle an der Notfallversorgung beteiligten Berufsgruppen dürfen bei der 10. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) ganz besondere Highlights erwarten: Passend zum kölschen Kongressmotto „Mannschaftsspiel Notaufnahme – Mer stonn zesamme“ treffen sie sich vom 03. bis 05. September 2015 im RheinEnergieSTADION Köln, um ihre aktuellen Erfahrungen auszutauschen, die Teamarbeit zu optimieren und so die beste Versorgung von Notfallpatienten zu garantieren.
Das „Dreigestirn“ der Tagungspräsidenten gibt zu dem außergewöhnlichen Kongress im Interview vorab erste Einblicke: Martin Pin, Zentrale Interdisziplinäre Notaufnahme (ZINA) Kaiserwerther Diakonie, Düsseldorf, Dr. med. Ranka Marohl, Interdisziplinäre Notfallambulanz Krankenhaus Porz am Rhein, Köln und Dr. med. Frank Wösten, Zentrale Notaufnahme HELIOS Klinikum, Siegburg.


Die DGINA-Jubiläumstagung steht unter einem ganz besonderen Stern. Ein Fußballstadion als Veranstaltungsort ist ungewöhnlich und bringt mit dem „Mannschaftsspiel Notaufnahme“ einigen Schwung in die Tagung. Wie ist ein „perfektes Zusammenspiel“ zwischen Rettungsdiensten, Krankenhauspflege und Ärzten aller Fachrichtungen zu erreichen?

Dr. Marohl: „Indem alle miteinander „spielen“… d.h. regelmäßiger Austausch, Verständnis und Respekt vor der Arbeit des einzelnen. Jeder in dieser Versorgungskette ist enorm wichtig und die Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.“ Dr. Wösten: „Das kann nur wie im Fußball funktionieren: regelmäßiges Training (Grundlagentraining), „Respekt“ vor dem Gegner, Improvisation in außergewöhnlichen Situationen und Entwicklung des „Team-Geistes“ zum Wohle der Patienten.“ Martin Pin: „Alle Spieler in diesem Team müssen sich als wichtiger Teil des Teams fühlen. Sie müssen ein gemeinsames Ziel haben – die gute Versorgung unserer Patienten. Dies ist eine der zentralen Botschaften dieser Jahrestagung: Teamgedanken entwickeln und stärken. Dazu kommt dann natürlich persönliches Training und Teamtraining.“


Hat das Tagungsmotto Auswirkungen auf die Struktur der Tagung und den Programmablauf? Ein Blick ins Programm zeigt, dass der Standort Köln scheinbar ganz besonders geeignet ist, das wichtige Grundthema der DGINA „Notfallmedizin ist Teamwork!“ etwas augenzwinkernd herüberzubringen… Welche Highlights erwarten die Teilnehmer?

Dr. Marohl: „Ja. Alle Sessions (mit vielen spannenden Vorträgen) sind absichtlich so aufgebaut, dass alle Teilnehmer, ganz egal aus welcher Berufsgruppe etwas lernen und mitnehmen können.“

Dr. Wösten: „Die Struktur der Tagung ist so aufgebaut wie der Trainer eine Mannschaft auf das nächste, also das wichtigste Spiel einstellt: Zuerst kommt die Analyse, dann die Taktik und zur Belohnung kommt das Spiel (wenn man gut genug trainiert hat…). Ganz bewusst wurde versucht, alle Sessions möglichst für alle Berufsgruppen zu öffnen; so ganz geht das jedoch nicht, da verschiedene Berufsgruppen im Umfeld der Notaufnahmen andere Schwerpunkte setzen. Ein Highlight für alle, welche die Rolle der Notaufnahmen in der politischen Diskussion verfolgen, ist sicherlich die Podiumsdiskussion mit Frank Plasberg unter dem Titel „ Notaufnahme vor dem Kollaps – Wer zahlt die Rechnung?“

Martin Pin: „Wir haben versucht, jedes Thema innerhalb der Tagung aus den Blickwinkeln der unterschiedlichen Berufsgruppen darzustellen und abzubilden. Die Tagungsstruktur selbst soll schon den Austausch zwischen Berufsgruppen fördern. So werden dann aus Schnittstellen eben Nahtstellen.“


Es werden wieder renommierte nationale und internationale Experten zu aktuellen Aspekten der Notfall- und Akutmedizin erwartet. Welche Wünsche und Ziele verbinden Sie als Tagungspräsidenten mit der DGINA 2015? Was ist die besondere Ausrichtung der Tagung und welche wichtigen Schwerpunkte haben Sie in diesem Jahr gesetzt?


Dr. Marohl: „Der Schwerpunkt liegt definitiv (neben dem ausgesprochen gutem wissenschaftlichen Programm zu den aktuellen notfallmedizinischen Themen) auf dem Teamgeist. Dieser soll auf diesem Kongress gelebt werden. Die alltäglichen Erfahrungen sollen ausgetauscht werden, um das Verständnis füreinander zu erhöhen.“

Dr. Wösten: „Das hohe Maß an Interdisziplinarität und Interprofessionalität, welches die Grundlage zum „Gelingen“ einer guten Notaufnahme-Performance ist, steht über allem. Aktuelle notfallmedizinische, berufspolitische, prozessorische wie auch insbesondere aktuelle notfallmedizinische Themen sind im Programm wiederzufinden. Und nicht zuletzt: Die Veröffentlichung der neuen Reanimationsrichtlinien von ILCOR und ERC stehen für Oktober an und wir haben mit Frau Prof. Dr. Castren aus Schweden die ERC-Vorsitzende auf dem Spielfeld, welche eventuell bereits ein paar Geheimnisse bezüglich der neuen Leitlinien preisgibt…“

Martin Pin: „Neben den bereits erwähnten Schwerpunkten wollen wir natürlich mit internationalen Experten auch den ´“Blick über den Tellerrand“ fördern. Wie machen des die „Anderen“?
Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es? Wie ist die politische Entwicklung?
Miteinander und voneinander lernen – darum geht es.“



Der Kongress steht ganz im Sinne des Teamgeistes. Wie wird das Ziel umgesetzt, das Verständnis füreinander zu erhöhen und die Teamarbeit zu Gunsten unserer Patienten zu optimieren? Was erwartet die Tagungsteilnehmer z. B. an bewährten und innovativen praktischen Teamtrainings und -übungen?

Dr. Wösten: „Zum einen finden bereits in den Tagen vor dem Kongress Workshops gezielt für ärztliches und pflegerisches Personal gemeinsam statt. Weiterhin planen die YED`s, die „Young Emergency Doctors“ der DGINA erneut einen SIM-Cup, in dessen Rahmen nur die Truppe erfolgreich sein kann, welche den besten Teamgeist präsentiert. Und nicht zuletzt werden Szenarien im Rahmen der Tagung „vom Unfall bis in den Schockraum“ gemeinsam mit den beteiligten Berufsgruppen durchgespiel. Diese Verzahnung der Präklinik mit der Klinik-Notaufnahme wird wahrscheinlich selbst für erfahrene Hasen spannend werden…“

Martin Pin: „In einer Vielzahl von Trainings und Workshops werden Angebote gemacht, die sowohl die individuellen Fähigkeiten als auch die Performance im Team trainieren. Dabei spielt beispielsweise die Simulation als Methode heute in der Ausbildung und im Training eine zunehmend wichtige Rolle. Wir sind heute technisch in der Lage, verschiedene Situationen und Notfälle an Simulationspuppen realitätsnah nachzustellen. Dies in Kombination mit Team-Trainingskonzepten , beispielsweise aus der Luftfahrt, und einer guten didaktischen Umsetzung eröffnet neue Wege in der Aus- und Weiterbildung und steigert letztlich die Patientensicherheit.“


Die Notfall- und Akutmedizin stellt ganz besondere Anforderungen an die interdisziplinäre medizinische Zusammenarbeit. In welchen Bereichen könnten noch Verbesserungen erreicht werden? Wie können Abläufe optimiert werden und welche Rolle spielt der Faktor Zeit?

Dr. Marohl, Martin Pin: „Die Abläufe sind inzwischen durch eigenständige Organisation der Notfallambulanzen in vielen Krankenhäusern deutlich optimiert und verbessert worden. Diese Maßnahme ist bei derzeitiger Zunahme von Notfallpatienten – im Schnitt Steigerung um 6-8% pro Jahr – auch dringend notwendig gewesen. Zunehmende Spezialisierung in der Medizin bedarf aber auch einer zunehmenden „Generalisierung“, vor allem im Bereich der Notfallversorgung, denn der Notfallmediziner behandelt akut lebensbedrohliche Erkrankungen aller Fachdisziplinen. In diesem Sinne wäre eine Zusatzweiterbildung „klinische Notfall- und Akutmedizin“ von enormer Bedeutung und würde uns einen großen Schritt nach vorne bringen.“

Dr. Wösten: „Zusatz: Tatsächlich sind jedoch über alle deutschen Notaufnahmen nur 5% der Patienten lebensbedrohlich gefährdet; um so wichtiger ist es, diese Patienten aus der Vielzahl der Patienten herauszufiltern und einer zügigen, unter Umständen lebensrettenden Diagnostik und Therapie zuzuführen.“



Professionelle Teamarbeit in der Notaufnahme steht als wichtiges Ziel bei der 10. DGINA Jahrestagung ganz oben. Was können Notfallpatienten erwarten? Wie ist die Qualität weiter zu verbessern und die Patientensicherheit zu erhöhen? Wie sind die Anforderungen an Politik und Kostenträger und was sind die Herausforderungen für die nächsten Jahre?

Dr. Marohl, Martin Pin: „Eine Bestandsaufnahme der Notfallversorgung in Deutschland – auch unter Berücksichtigung der Patientenströme in die KV Notdienstpraxen und Notfallambulanzen der Krankenhäuser – zeigt, dass die Notfallambulanzen inzwischen eine zentrale Säule in der Versorgung der Notfallpatienten darstellen. Inzwischen suchen 21 Millionen Patienten die Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser auf. Die damit verbundene Problematik der Finanzierung ist ein wichtiges Thema im Bezug auf die 24-Stunden Ressourcenvorhaltung für die fachlich hochqualitative Versorgung in den Notfallambulanzen. Eine Pauschale von im Schnitt 30-60 Euro/ Patient reicht nicht aus und die Kosten von durchschnittlich 129 Euro/ Patient zu decken. So müssen die Notfallambulanzen immer weiter subventioniert werden. Insbesondere unter dem derzeitigen Aspekt der Neuordnung der KV Notdienstordnung, aber auch dem Gutachten der DKG vom Februar diesen Jahres besteht sicher reichlich Diskussions- und auch Klärungsbedarf.“

Dr. Wösten: „Zusatz: Köln ist die einzige deutsche Großstadt mit Notaufnahmen , welche nicht durch eigenständige ärztliche Leitungen organisiert sind und somit den „Notaufnahme-Spirit“ noch nicht kennen; Dr. Marohls Porzer „gallisches Dorf“ bildet hier eine rühmliche Ausnahme. Wir erwarten uns vom Kongress, dass die dauerhaft in den Notaufnahmen arbeitenden Kolleginnen und Kollegen, aktuell häufig ausschließlich Pflegekräfte, einen Motivationsschub erhalten und mit „breitem Kreuz“ zurück in die Krankenhäuser gehen und dort eine Erhöhung der Qualität in der Patientenversorgung einfordern bzw. organisieren.“


Stichwort wissenschaftliche Fortschritt, demographischer Wandel und sozio-ökonomische Entwicklungen: Die Auswirkungen auf die medizinische Versorgung sind immens, die Entwicklungen führen zu weiter steigenden Anforderungen in der Notfallversorgung. Wie sind die aktuellen Bezüge für den Bereich der Notfall- und Akutmedizin? Welche neuen Aspekte der Notfallmedizin sind bei einer immer älter werdenden Bevölkerung zu zu erwarten?

Dr. Wösten: „Ganz klar: Wir werden weiter deutlich mehr Patienten in den Notaufnahmen behandeln müssen, da sich, und das zeigt die aktuelle gesundheitspolitische Diskussion, der kassenärztliche Notdienst umstrukturiert und weniger Patientenversorgung übernehmen wird, insbesondere zu den „Unzeiten“ ab 22 Uhr bis morgens um 07 Uhr. Es zeigt sich schon jetzt in Berlin, dass klare Rahmenvorgaben des Gesetzgebers (z.B. durch einen Krankenhaus-Rahmenplan) für die Notfallversorgung der Bevölkerung dazu führen, dass sich Kliniken so organisieren müssen, dass diese Rahmenvorgaben zur Notfallversorgung eingehalten werden. Und genau hier beginnt bereits heute der Wettlauf der Kliniken um die Notfallpatienten: Der Rettungsdienst sucht sich zum Wohle der ihm anvertrauten Notfall- Patienten zukünftig auch im übrigen Bundesgebiet die Kliniken aus, welche die beste „Performance“ für ihre Patienten bieten können.“


Alle Informationen sowie das gesamte wissenschaftliche Programm gibt es auf der Tagungshomepage unter www.dgina-kongress.de.

 

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