Unrealistische Hoffnungen von Angehörigen kritisch Kranker

Klinische Entscheidungen über die weitere Behandlung kritisch kranker Patienten werden von uns mit deren Angehörigen bzw. Betreuern besprochen und diskutiert. Wiederholt fällt bei den Diskussionen zu diesem Thema im Kollegenkreis auf, dass eine von den Ärzten kommunizierte Einschätzung ùber eine ungünstige Prognose der betroffenen Patienten nicht wahrgenommen wird und aktiv weitere technische, oft kritisch zu diskutierende Therapien eingefordert werden.

Da die Übermittlung dieser Nachrichten insgesamt schwierig ist, wird von verschiedener Seite vorgeschlagen, die Prognose von kritisch Kranken mittels objektivierbarer Zahlen zu kommunizieren (d.h. Überlebenswahrscheinlichkeit ist 90%, 50% oder 10%).

Diese Thematik wurde nun in einer grösseren Befragung aufgegriffen und zeigt überraschende Ergebnisse (Ann Int Med Mar 2012): Die von Ärzten kommunizierten Inhalte über die Prognose des betroffenen Patienten wird von den Angehörigen generell viel, viel zu optimistisch interpretiert. Während eine kommunizierte gute Prognose von den Angehörigen korrekt interpretiert wird, wird die übermittelte schlechte Prognose wenig beachtet und für den eigenen Angehörigen ein guter Verlauf postuliert. Dies liegt offensichtlich nicht an kommunikativen Barrieren zwischen Arzt und Angehörigen sondern schlicht am Bias der Angehörigen, welche die Situation des betroffenen Patienten wegen der engen Beziehung zu ihm einfach zu optimistisch interpretieren.

Welche Phänomene spielen möglicherweise eine Rolle?
Dieser kognitive Bias ist in der Psychologie bekannt und wird als illusorische Überlegenheit, unrealistischer Optimismus oder als „Lake Wobegon Effekt“ bezeichnet, ein kognitiver Bias, der Menschen im Verhältnis zu anderen eine Überschätzung der Wahrscheinlichkeit erleben lässt, dass sie selbst positive Erlebnisse/Ereignisse erfahren.

Diese Aspekte sind in einem sehr guten Kommentar in ACEP News ausgeführt. Kommunikation besteht folglich nicht nur aus der Übermittlung sachlich korrekter Inhalte, auch die Verwendung von Zahlen oder Wahrscheinlichkeiten reicht nicht aus. By the way, dies trifft auch auf uns Ärzte zu: Auf die Frage, wie ist die Wahrscheinlichkeit des schwerkranken Patienten zu überleben (z.B. liegt diese realistisch bei 5% innerhalb von 10 Tagen), werden viele von uns zögern zu antworten, auf die Frage, würde es sie wundern, wenn der Patient innerhalb der nächsten 10 Tage versterben wird, fällt die Antwort leichter).

Was bedeutet dies für uns konkret?
1) Das Nicht-Verstehen von Gesprächsinhalten durch Angehörige ist häufig und unterliegt normalen psychologischen Phänomenen. Wir als Ärzte und Pflegende sollten uns dessen bewusst sein und professionell darauf reagieren.

2) Der unrealistische, aber verständliche Optimismus der Angehörigen (Lake Wobegan Effekt) kann dazu führen, dass medizinische Handlungen durchgeführt werden, die zu einem hohen Ressourcenverbrauch führen können, aber kein Benefit erwarten lassen (z.B. ist eine ECMO trotz gegebener formaler Indikation bei besonderen Konstellationen nicht sinnvoll, da der Patient an der zugrundeliegenden Komorbidität versterben wird). Dies sollte man sich vor einem Gespräch überlegen!

3) Wir sollten deshalb unsere Entscheidungen im Team treffen und Behandlungsstrategien täglich und im Vorfeld festlegen. Wir sollten uns unsere Kommunikation mit den Angehörigen bewusst machen, d.h. im Vorfeld konkret überlegen, was man sagt, und was nicht gesagt werden soll (und wer was sagt, ein riesiges Problem im Schichtdienst: d.h. die Gesprächsinhalte sollten im Verlauf kurz notiert werden und idealerweise nurnein Hauptansprechpartner festgelegt sein!). Oft ist weniger mehr, die Angehörigen sind meist hoffnungslos überfordert und viele Worte tragen zu grosser Verunsicherung bei.

Im Klinikum Nürnberg wird ein Seminar „Kommunikation für Ärzte“ angeboten. Dies ist sehr empfehlenswert und übermittelt praktische Fähigkeiten einer besseren Kommunikation.

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