Kennen Sie Atul Gawande? Standardisierung als Erfolgsgarant für Professionalität in der Medizin?

Nun, wir hatten schon vor längerem über Atul Gawande und seine Ideen einer qualitativ hochwertigen und doch kostengünstigeren Medizin diskutiert. Schauen Sie doch nochmals bei den Artikeln über die Checklists und das Cost Conundrum vorbei. Außerdem hat mich ein früherer Artikel über „ärztliches Coaching“ fasziniert.

Nun ist ein neuer Artikel von Gewande im New Yorker erschienen: Big Med.

Ein absolut interessanter und faszinierender Artikel: Beginnend mit einem detaillierten Einblick in die Arbeit und Organisation von Restaurantketten, welche qualitativ hochwertige Menüs zu akzeptablen Preisen produzieren, schlägt Gawande den Bogen, um sein Lieblingsthema, die Standardisierung aufzugreifen. Mir war nicht klar, wie diese wirklich großen Restaurants innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl hochwertiger Menüs herstellen können und die Kunden hochzufrieden sind. Vieles wird erst durch Standardisierung von Arbeitsschritte möglich. Offensichtlich ist die Arbeitsorganisation so gestaltet, dass die Mitarbeiter über viele Jahre bei diesen Unternehmen tätig sind und hochzufrieden sind.

Die Standardisierung ist Anlass für Gawande, seine Ideen einer modernen Medizin vorzustellen. Er berichtet über eine aktuelle Knieoperation seiner Mutter, welche in einer hochstandardisierten und professionellen Einheit durchgeführt wurde. Die Knieprothese wird nach festgelegten Standards implantiert, die nachfolgende Betreuung erfolgt multiprofessionell und führt dazu, dass die Mutter innerhalb kurzer Zeit wieder mobil ist. Zusammenfassend führt diese Standardisierung und Abstimmung innerhalb des Teams zu optimalen Leistungen im Sinne niedriger Kosten und hoher Qualität für den Betroffenen.

Noch faszinierender ist der Ansatz einer Krankenhausgruppe, welche mehrere Intensivstationen betreibt. Seit einigen Monaten wurde eine zentrale „Steuereinheit“ eingeführt: Examinierte „Tele“ Intensiv-Nurses und ein „Tele“ – Intensivist sind über Videoschaltungen mit den einzelnen Intensivstationen verbunden und kontrollieren über Videoschaltungen die Qualität der Patientenversorgung. Sie stehen selbstverständlich auch für fachliche Rückfragen zur Verfügung. Zusammenfassend führt dieses Vorgehen ebenfalls zu einer hohen Versorgungsqualität und zu erheblichen Kosteneinsparungen.

Auch wenn der Artikel nicht kurz ist: Es lohnt sich, diesen bis zum Ende zu lesen. Auch in Deutschland findet eine Konzentration der medizinischen Leistungserbringer statt. Aber die innovativen Wege, wie diese von Atul Gawande beschriebenen, kenne ich aus Deutschland nicht. Vielleicht gibt es auch bei uns bald eine „ZNA Mission Control„. Und dieser Ansatz wäre vermutlich nicht der Schlechteste.

Gawande resümmiert am Schluß, dass natürlich auch zahlreiche Nachteile durch eine derartige Vorgehensweise entstehen können. Aber die Ideen per se sind nicht schlecht. Wichtig ist eher die Frage, ob die Mitarbeiterinteressen entsprechend berücksichtigt werden und ob eine derartige Vorgehensweise tatsächlich zu Kostenersparnis bei hoher Versorgungsqualität führt. Die Zentralisierung von Leistungen muss nicht unbedingt zu einer Verbesserung führen: Auch aus der Industrie kennen wir, dass Großunternehmen häufig sehr unflexibel sind und Innovationen dann von kleineren Unternehmen eingekauft werden muss. Auf der anderen Seite: Unternehmen wie die „Cheesfactory.com“ zeigen einen durchaus erfolgreichen Weg auf.

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