Berufspolitik – Facharzt für Notfallmedizin

Offensichtlich hat der ARD report alle möglichen Aktivitäten erneut angestossen. Bedauerlicherweise werden Argumente nur wiederholt, es gibt keine klaren Fakten und Daten.

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9 Gedanken zu „Berufspolitik – Facharzt für Notfallmedizin

  1. Wenn es ja so wäre wie Frau Prof. Seifert glauben machen will! Die Realität sieht anders – notfallmedizinisch schlecht oder nur bezogen auf die Subspezialität ausgebildete Weiterbildungsassistenten stehen den breitest gefächerten Anforderungen einer Notaufnahme oft geradezu hilflos gegenüber. Weder im kleinen Kreiskrankenhaus noch an der Universitätsklinik wird der akut erkrankte Patient von Facharztlegionen empfangen. Und selbst wenn es so wäre – meist fehlt trotzdem das interdisziplinäre, ergebnisoffene Herangehen. Und das in Großbritannien ein Mangel an gut ausgebildeten Fachärzten herrsche (in dem Land mit einer der weltweit anerkannt besten Facharztausbildungskultur überhaupt) ist noch nicht mal ein schlechter Witz, sondern schlicht Nonsens.

  2. nett gemachte Pressemitteilung… ich würde auch nur „arme Länder“ aufzählen die den FA Notfallmed haben… und die ganzen anderen Länder mit TOP medizinischer Ausbildung und TOP Notfallversorgung weglassen… so Länder wie die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, die Niederlande, Irland etc muss man ja nicht erwähnen… is ja nich so wichtig.

    Finde super, dass Ihr in letzter Zeit mehr über die berufspolitische Entwicklung schreibt. Weiter so! 🙂

  3. Auch auf die Gefahr, dass auch ich ein Argument nur wiederhole: Der „Facharztstatus“, von dem hier die Rede ist, wird nach einer Untersuchung der Landesärztekammer Berlin in 8% der Fälle tatsächlich eingehalten. In den übrigen 92% der Patientenkontakte in Berlin ist es doch wohl wie überall: heiteres Diagnosenraten von Jungärzten und Studenten mit „Telefonjoker“ und erfahrene Schwestern und Pfleger, die das Schlimmste verhindern.

  4. Please consider the following example of a patient coming with abdominal pain. He/she doesn’t complain of a surgical abdomen or a gynecological/urological problem. In fact surgeons, gynecologists, urologists or internal medicine specialist (you just name it) are those with FRACTIONAL ANSWERS to the patient’s chief complaint. Emergency medicine specialists provide comprehensive medical care and direct the patient to the most appropriate specialist for further management if such is needed. We „save“ the patients from the dangers of tunnel vision such frequently encountered among „super-specialists“.

  5. Getroffene Hunde bellen, wie man sieht… Diese Pressemitteilung spricht für sich, es gehen den Fachgesellschaften wohl langsam die Argumente gegen den Facharzt für Notfallmedizin aus – eigentlich ein gutes Zeichen.
    Also: steter Tropfen höhlt den Stein, die DGINA sollte ihren eingeschlagenen Weg fortsetzen.

  6. Welche Studien können eine vergleichbare Qualität der Notaufnahmen in Deutschland und dem Ausland nachweisen?
    In meinen Augen ist es dringend nötig, Studien zur personellen Besetzung ind deutschen Notaufnahmen und Vergleichsstudien zur europaweiten Notfallversorgung zu erstellen.
    Leider wird die Diskussion um den Facharzt sicherlich niemals rein sachlich zu führen sein, es geht einfach um zufiel Berufspolitischen Einfluss. Sachlich und fachlich ist jedoch noch ein riesiges Defizit in diesem Bereich vorhanden.

    Objektive Studien müssen her. Auch wenn mich persönlich sehr freut, dass die Diskussion um den Facharzt aktuell deutlichen Rückenwind erhalten hat, bin ich doch etwas besorgt über die verhärteten Fronten.

    Es deprimiert mich als jungen Mediziner sehr, dass kein offener Dialog über die Zukunft der Notfallmedizin geführt wird. Es scheint vielmehr um Gebietskämpfe zu gehen.
    Die berufspolitische Kriegsführung in diesem Arbeitsumfeld verschreckt mit sicherlich viele Berufsanfänger, die in der klinischen Notfallmedizin eigentlich ihren Traumberuf sehen.

  7. Ich konnte es mir nicht nehmen lassen diesen Bericht in einem Schreiben persönlich zu kommentieren. Hier der Text und die Antwort dazu…

    Sehr geehrte XXX,

    Mit Interesse habe ich Ihren Artikel „Strukturwandel in der Versorgung von Notfallpatienten“ auf der BDC-Seite gelesen. Leider bleiben mir einige Ihrer Argumentationsschritte noch recht unklar, auch nachdem ich nachträglich eine (sehr oberflächlich gehaltene) Literaturliste erhalten habe.

    Leider werden in Ihren Begründungen gegen einen Facharzt für Notfallmedizin recht augenscheinlich Belange der Präklinik in meinen Augen unzulässig mit der Diskussion um eine professionalisierte Klinische Notfallmedizin verquickt. Es kommt überdies das Gefühl auf, dass diese Vermengungung nicht versehentlich sondern aus berufspolitischem Kalkül bewusst erfolgen. Ich denke niemand der an der Diskussion Beteiligten stellt die präklinische Versorgungsqualität in Frage, ebenso sind die von ihnen genannten Beispiele Polytraumaversorgung, STEMI und lysefähiger Stroke in der Mehrzahl der Fälle in unserem System recht gut versorgt. Leider verschweigen sie Ihren Lesern dass diese Erkrankungen nur einen Bruchteil der Patienten darstellen, die in den deutschen Notaufnahmen tagtäglich vorstellig werden.

    Der weitaus grössere Teil erreicht die Notaufnahmen eben nicht mit diesen Triggerdiagnosen sondern zahlreichen anderen, im Zuge der Überalterung der Gesellschaft oft weit diffuseren Beschwerdebildern wofür offensichtlich; in zahlreichen anderen europäischen Ländern längst erkannt; eben doch ein Generalist benötigt wird.

    Ihr in Abschnitt 2 vorgebrachter Schluss ist alleine dank der Vermischung ihrer Präklinik- und Klinikaspekte unzulässig, eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Inhalte die die Versorgung von Patienten im innerklinischen Bereich betreffen ist sinnvoll und dringend notwendig und kann somit klar als ein weiterer Grund einer Notwendigkeit weiterer Professionalisierung angesehen werden.

    Die Erkenntnis zu Punkt 3 ist tatsächlich mittlerweile allen gemein, auch wenn der eine oder andere dafür ein wenig länger gebraucht hat.

    Die Punkte 4 und 5 entspringen ebenfalls dem offensichtlichen berufspolitischen Kalkül, denn ein eigenständiger Leiter einer ZNA kann niemals ohne Chefarztstatus im Dschungel eines Krankenhauses mit Chefärzten anderer Abteilungen auf Augenhöhe reden, dies ist jedoch in einer Zeit der innerklinischen Verteilungskämpfe zwischen konkurrierenden Abteilungen unerlässlich, wenn diese interne Streitigkeiten nicht auf dem Rücken von Patienten ausgetragen sollen. Eine gut organisierte Notaufnahme optimiert die Patientenverteilung, vermindert Fehlbelegungen und bündelt Personal- und Sachkosten an einem Ort.

    Ihre Behauptung in Punkt 7 die innerklinische Notfallmedizin sei integraler Bestandteil der FA-Ausbildung mag (noch) auf Ihre Fachdisziplin zutreffen, bereits in der internistischen Ausbildung ist eine Pflichtzeit in der Notaufnahme nicht vorgesehen. Hier wird die eigene Energie der Körperschaft ebenfalls vorwiegend zur Opposition benutzt anstatt zuerst die eigenen Hausaufgaben zu machen und der Notaufnahmearbeit in der WBO mit einen entsprechenden Pflichtabschnitt die notwendige Wichtigkeit zukommen zu lassen.
    Warum eine Professionalisierung in der Notfallmedizin erst ab einem Facharztlevel notwendig oder möglich sein soll erschliesst sich im Übrigen weder mir noch den zahlreichen an diesem Gebiet interessierten jungen Kollegen, um die es ja wohl gehen sollte. Klar, diese Ressource Nachwuchs ist begrenzt und wertvoll, die Furcht vor dem Verlust der jungen Kollegen ist völlig legitim und eint die verschiedenen Fachdisziplinen in ihrem Kampf gegen einen Facharzt, aber dann sollte man dieses Argument vielleicht auch einfach einmal ehrlich offenlegen, oder?

    Wie bereits erwähnt ersetzt ein FA Notfallmedizin die anderen FÄ überhaupt nicht, es gibt keinen Grund diesen zu fürchten. Auch in Zukunft werden Rotationsassistenten aus Innerer Medizin und Chirurgie in der Notaufnahme arbeiten, sofern die facheigenen Weiterbildungscurricula dies weiter erlauben respektive zukünftig wünschen. Meines Wissens nach hat keiner der die Professionalisierung der Notfallmedizin wünscht vor Rotanten aus den ZNAs hinauszuwerfen, denn auch im englischsprachigen System ist eine Rotation verschiedener Fachdisziplinen in die Notaufnahme vorgesehen. Gibt es hingegen kein festes Kernteam entsteht auch keine Identifikation mit dem Arbeitsplatz Notaufnahme, ein Umstand der längerfristige notwendige Weiterentwicklungen verzögert. Die Mischung macht´s!

    Zum Schluss erfolgt in Ihrer Argumentation das seit Jahren immer wieder hervorgebrachte Argument des „Facharztstandards“ welches durchs stetige Wiederholen leider auch nicht richtiger wird.
    Wie den Meisten bekannt ist erfolgt die Behandlung von Patienten ausserhalb (und zum Teil durchaus auch innerhalb) der grossen Maximalversorger mehrheitlich durch Nicht-Fachärzte1 und die demographische Entwicklung im ärztlichen Bereich wird dieses Problem in Zukunft nur noch mehr verschärfen.

    Der „Facharztstandard“ ist schon längst nicht mehr „Standard“, sondern eine Ausnahme und inwiefern undifferenzierte Patienten überdies von einem „Facharztstandard Kardiologie“ oder „Facharztstandard Neurologie“ profitieren wenn eine breitere Ausbildung fehlt sei auch einmal dahingestellt.

    Im Übrigen würde ein flächendeckender „Facharztstandard“ in der Notaufnahme durch einen professionalisierten Notfallmediziner doch gewährleistet: durch einen breit und möglichst tief ausgebildeten Facharzt für Notfallmedizin. Natürlich kann der nicht so sehr in die Tiefe gehen wie ein Kardiologe oder Neurologe, aber das muss er ja auch nicht, da er die im Zweifel in der Hinterhand hat. Während sich der Kardiologe in Zukunft auf seine Kernkompetenzen fokussieren kann und der Unfallchirurg seinen OP-Katalog füllt macht jemand anders auch noch die ungeliebte Arbeit in der Notaufnahme. Machen Sie doch mal eine Umfrage dazu wie ihre Assistenten das fänden, das Ergebnis wird sie überraschen. Ebenso begeistert werden ihre Assistenten sein, wenn diejenigen die als Fernziel die Notaufnahme haben zuvor mit den zukünftigen Chirurgen und Internisten um Operationen oder Interventionen konkurrieren, Dingen die sie später in der Notaufnahme nie wieder brauchen werden, die sie aber in ihrem Katalog haben müssen um irgendeinen anderen Facharzt zu erlangen.

    Mit einem Facharzt Notfallmedizin liesse sich das Problem des fehlenden „Facharztstandards“ und damit auch die „Unmöglichkeit selbstständig zu therapieren“ doch recht einfach lösen, oder?
    Im Übrigen gibt es eine weitere nicht unerhebliche Gruppe in Deutschland, die zu grossen Teilen ebenfalls ohne Facharztstandard recht selbständig therapiert und dabei oft ziemlich invasive Mittel verwendet. Denen möchten wir dieses Recht doch sicher auch in Zukunft noch zubilligen, wenn sie in ihren NEFs und NAWs durchs Land fahren, oder?

    Nun vielleicht noch etwas zur Liberalisierung des Arbeitsmarktes, angesprochen in Punkt 13, die ist tatsächlich noch ein Problem.
    Aber sind wir doch einmal ehrlich: würden die Empfehlungen der EuSEM zu diesem Thema doch einfach einmal umgesetzt und würde aufgehört zu versuchen das Rad zum hundertsten Mal neu zu erfinden würde sich dieser Punkt doch auch schnell in Luft auflösen. Länder mit professionalisierter Notfallmedizin spriessen um Deutschland herum wie Pilze aus dem Boden und selbst massivste Gegner eines eigenen Facharztes sprechen hinter vorgehaltener Hand nur noch von einem Wann und nicht mehr einem Ob des Facharztes.

    Es wird Zeit diese Resilienz abzulegen und vor der eigenen (chirurgischen, internistischen…) Haustüre zu kehren um die eigene Ausbildung zu verbessern. Die Generation Y wird sich die Ausbildung holen die sie sich wünscht und die ihr zusteht, wenn nicht in Deutschland dann im Ausland, ob in Notfallmedizin, Innerer Medizin oder Chirurgie.

    Zu guter Letzt noch eine kleine Anmerkung zum Thema Effizienz und Effektivität. Der von ihnen unter Punkt 1 zitierte Artikel (selbst in den nachgeforderten Literaturangaben findet sich keine genaue Stelle, die Begriffe könne auch mittels Suchmaschine nicht im Text ausgemacht werden) betrifft wie oben bereits erwähnt nicht spezifisch die Klinische Notfallmedizin.
    Deren Effizienz und Effektivität ist hingegen in einer exzellenten Metastudie2 aus insgesamt 282 Artikeln belegt. Ich denke dass ihre Leser ein Recht haben auch das zu erfahren.

    Sehr gespannt grüsst sie herzlich,
    LL

    Sehr geehrter Herr L.,

    Ihre umfangreiche Kritik an meinem Beitrag nehme ich zur Kenntnis.
    Sie spiegelt ganz wesentlich Ihre grundsätzliche Meinungsverschiedenheit in dieser Sache wieder.
    Mit Ihrer persönlichen Mitwirkung in dem Beitrag „Pfusch in der Notaufnahme“ Report Mainz von vergangenem Dienstag machen Sie öffentlich deutlich, dass Sie keinen Wert auf eine sachlich-wissenschaftliche Auseinandersetzung legen. Sie haben sich damit auf die Ebene einer kollegialen Diffamierung begeben, auf der eben genau diejenigen, die gegen einen FA NFM argumentieren, in den Dunstkreis von Pfusch (Syn. für bewusst nachlässig vorgenommene Arbeit) oder vielleicht sogar Pfuscher (?) gebracht werden.

    Deshalb haben Sie Verständnis, dass ich, die sich dem diffamierten Kreis der Kollegen zuordnen lassen muss, keine Grundlage für eine weitere Auseinandersetzung mit Ihnen persönlich sehe.
    Gleichwohl werden wir in unseren Weiterbildungsgremien der Ärztekammern, den Berufsverbänden und Fachgesellschaften das Thema in entsprechender Weise weiter aktiv bearbeiten.

    MFG

    Und meine Retoure, die leider unbeantwortet blieb…

    Guten Tag XXX

    Ich finde Sie machen es sich mit dieser Argumentation etwas einfach.
    Den Titel des ARD-Beitrages habe nicht ich gestaltet sondern das ARD. Im Übrigen ist die Sendung ein Aushängeschild des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks, bei dem man sicher guten Gewissens mitmachen darf, wie es ja auch Fr. Prof. Muhl getan hat. Gilt ihre Aussage dass ein Mitwirken an dem Beitrag ein Zeichen fehlenden Interesses an einer „sachlich-wissenschaftlichen Auseinandersetzung“ ist eigentlich auch für ihre DIVI-Chefin? Oder nur für diejenigen, die nicht „auf Linie“ sind?
    Ob ein Titel wie der verwendete zu „reisserisch“ sind lässt sich sicher diskutieren, es fällt aber wie gesagt nicht in meinen Verantwortungsbereich.

    Wie auch immer, die von mir erhofften Antworten auf die angemerkten Punkte haben Sie mir (und dem Rest der Interessierten) leider weiter vorenthalten, dies finde ich mehr als dürftig.
    Gerade wir jungen Mediziner warten sehnsüchtig auf weitere Argumente jenseits des „Wiederkäuens“ des „Facharztstandards“, denn dies entspricht wohl auch kaum dem was die medizinische Mehrheit unter einer „sachlich-wissenschaftlichen Auseinandersetzung“ versteht. Genauso wenig wie ein munteres Vermischen von Präklinik und Klinik im Argumentationsgang eine „sachlich-wissenschaftliche Auseinandersetzung“ darstellt und Linklisten die nur auf Nachfrage ausgegeben werden den üblichen Gepflogenheiten entsprechen.

    Herzliche Grüsse,
    LL

    • @Dr. Lars Lomberg:

      Ja da drückt man sich ja sehr um eine Antwort herum. Wissenschaftliches Argumentieren ist vielleicht auch nicht Frau XXX Stärke. Und auf neue Argumente gegen den FA Notfallmed müssen wir wohl lange warten, denn wenn es die gäbe hätten sich bestimmt nicht so viele Länder dafür entschieden.
      Es wäre doch einfach mal an der Zeit, dass die Fachgesellschaften aufhören so stark eine Veränderung zu blockieren, die einfach Sinn macht!
      Mich würde sehr interessieren ob es in den anderen Ländern, die den FA Notfallmedizin eingeführt haben auch so heftigen Widerstand gegeben hat oder ob das wieder nur ein Produkt deutscher Starrköpfigkeit ist.

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