Heute morgens bei der Visite ….

Haben Sie sich eigentlich schon mal gefragt, weshalb der erfahrene Arzt während der Visite nach den Hobbies des Patienten erkundigt? Einfach so, zu Beginn des Gespräches? Wenn man über Notfallmedizin spricht, hat man häufig – insbesondere die jüngeren Kollegen – eine blutende Verletzung oder eine Reanimation im Hinterkopf. Aber es stellen sich natürlich zahlreiche Patienten in Notaufnahmen oder im Rettungsdienst vor, die ansprechbar sind und die schlichtweg Ängste haben …. wenn sie z.B. in den „Betonbau“ eines Großklinikums kommen. Und wir fokussieren uns auf die wirklich medizinisch relevanten Themen. Patienten werden zum „iPatient“ wie es Abraham Verghese formulierte. Man könnte es auch als Speed-Dating benennen. Dabei wird häufig vergessen, dass diagnostisch relevante Information häufig durch „belanglose Kommunikation“ vermittelt wird. Ich dachte mir das heute, als wir von einem Patienten mit Vorhofflimmern erfahren haben, dass er Leistungsportler war und zu früheren Zeiten süchtig nach „Schnupftabak“ war. Dies ermöglichte uns, die eigentliche Diagnosestellung und auch das weiteren Management sinnvoll zu gestalten. Ohne Über- aber auch ohne Unterdiagnostik.

Vielen von uns ist nicht bewusst, dass uns die Patienten angstvoll gegenübertreten. Einleitende scheinbar belanglose Worte über das Fußballspiel der letzten Woche (Bayern hat nur 3:3 gespielt und die Zelle in der JVA Landshut für U. Hoeness scheint vorbereitet zu sein) macht uns zu „Nachbarn“, Vertrauen wird aufgebaut. Oder haben Sie sich nicht schon einmal gefragt, weshalb dem medizinischen Rat von Tante Else mehr Glauben geschenkt wird, wie Ihren ellenlangen unverständlichen Erklärungen.

Haben Sie sich schon mal gefragt, weshalb in Ihrem Umfeld – als Student, Arzt, oder Passant – uns dieser humorvolle Start einer Kommunikation gelingt, im professionellen Umfeld aber deutliche Defizite auftreten? Ich möchte kritisch fragen, wird uns diese natürliche Art der Kommunikation nicht teilweise abgewöhnt? Im Studium, in den ersten Jahren in der Klinik?

Diese banale Kommunikation macht uns zu Verbündeten, gegenseitiges Vertrauen wird geschaffen und letztendlich wird unser Handeln durch wichtige Informationen bereichert. In den letzten 50 Jahren hat – Gründe sind ja bekannt – diese Art der Kommunikation erheblich abgenommen und dadurch das Reichtum menschlicher Beziehungen und gegenseitigen Vertrauens gestört. Dieser Thematik widmet sich ein Editorial im aktuellen N Engl J Med. Phantastisch geschrieben und wirklich so wahr …. vielleicht kann man sich auch als Notfallmediziner oder Notfallpflegende auf derartige „nicht-medizinische Information“ einlassen. „Virtue of Irrelevance“ …. Spannender Beitrag!

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