Don´t think, try the experiment!

Zufällig bin ich wieder über einen bereits von mir archivierten Essay aus dem Deutschen Ärzteblatt gestolpert. Der Herausgeber des Dt. Ärzteblattes, Prof. Baethge, schreibt in einem exzellenten Artikel über das große Thema der „Evidenz basierten Medizin“ und diskutiert die in Deutschland bisher unzureichende Umsetzung von EBM in die klinische Praxis. Angesprochen werden u.a. die unterschiedlichne Traditionen des angelsächsischen und des deutschen medizinischen Systems. Während das Deutsche System eher versucht „Hintergründe von Erkrankungen zu durchdringen“, hat sich in der Tradition des britischen Systems der Spruch „Don´t think, try!“ durchgesetzt.

Die deutsche Notfallmedizin würde erheblich gewinnen, wenn sie sich an die Prinzipien der Evidenz orientieren würde und auch selbst dazu in akademisch gut geplanten Untersuchungen ihren Beitrag einbringen würde. Ich erinnere mich an kontroverse Diskussionen über einen früheren Beitrag im Blog über den fraglichen Stellenwert einer undifferenzierten Sauerstofftherapie bei akutem Myokardinfarkt. Obwohl auch noch nicht ausreichend gepowert, bestätigen Ergebnisse einer aktuellen randomisierten Studie unsere zwischenzeitlich zwei Jahre zurückliegenden Argumente. Die Originalpublikation ist noch ausstehend, aber vieles spricht für „AVOID Oxygen“. Wer mehr wissen möchte, verweise ich gerne auf weiterführende Literatur (hier). Weitere Studien zu diesem Thema sind in der Vorbereitung.

Wünschenswert wäre, dass auch die Rettungsmedizin in Deutschland mehr Initiativen zeigen könnte, um ähnlich wie skandinavische oder angelsächsische Notfallmediziner – einen wichtigen Beitrag für die notfallmedizinische Versorgung von uns anvertrauten Patienten zu leisten. Aller Anfang ist schwer, aber der Erfolg der TROICA Studie zeigt, dass es prinzipiell auch in Deutschland möglich wäre. Die Größe unseres Landes und die gute Ausbildung der rettungsmedizinischen Infrastruktur sprächen dafür.

Wer hat nun obigen Spruch geprägt. Kein geringerer wie der britische Anatom John Hunter, der Mitte des 18. Jahrhunderts den Spruch „Don´t think, try the experiment“ geprägt hat und hier maßgeblichen Einfluss auf die angelsächsische Entwicklung der „Evidenz-basierten Medizin“ ausgeübt hat. Und wer war nochmals Hunter? Wer mehr wissen möchte, und auch seine Irrwege kennenlerne möchte (er hat sich in einem heroischen Experiment selbst mit Syphilis und Gonorrhoe infiziert), empfehle ich http://www.whonamedit.com/doctor.cfm/84.html Viel Spass beim Recherchieren!

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4 Gedanken zu „Don´t think, try the experiment!

  1. Mensch Hr. Christ, selbst an Heiligabend fleißig! 😉
    Und ich weiß warum ich die Engländer so liebe! Manchmal muss man einfach mal „machen“!! Gruß aus München und frohe Weihnachten

  2. Evidence basierte Medizin..
    ein schönes Wort und doch wird es offensichtlich in Deutschland und Großbritannien ganz anders verstanden und interpretiert.
    Der Autor des im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienen Artikels wird auch nicht müde Seitenhiebe in Richtung Großbritannien auszuteilen !
    „Eminence -basierte Medizin “ ist in Deutschland weit verbreitet. Nehmen Sie sich mal die Zeit und vergleichen Wort für Wort die Konzepte verschiedener Fachgesellschaften mit den auch in Deutschland gelehrten Kursen wie ATLS, ACLS, PALS etc.
    Nehmen Sie sich die Zeit und studieren die Konzepte verschiedener Rettungsstellen und Notarztregionen. Sie werden wahrscheinlich auch zu dem Ergebnis kommen , das das deutsche pluralistische System viele Meinungen zulässt.
    Ist das im Interesse der Patientensicherheit oder steckt hier eine Vielzahl anderer Beweggründe dahinter ?
    Wenn im Publikationsorgan der deutschen Ärzteschaft ein Artikel zur EBM veröffentlicht wird, dann würde ich sehr gerne genau diesen Artikel den Vertretern der evidence basierten Medizin in Großbritannien zum critical appraisal vorlegen. Critical Appraisal ist übrigens eine der skills die im Abschlussexamen zum Notfallmediziner geprüft wird.
    Oder wir laden mal einen der führenden Köpfe der EBM zum nächsten DGINA Kongress ein ! Vielleicht kann er uns auch gleich etwas zu reflective practice oder incidence report systems oder anderen Standards die die Sicherheit der Patienten in einer Rettungsstelle erhöhen berichten.
    Vielleicht sollte man in Deutschland erstmal nachdenken bevor man versucht unreflekiert eine Meinung über evidence based medicine abzugeben!

  3. Lieber Kollege. Ich denke, dass der Artikel durchaus eine andere Intention hatte. Vielleicht wäre hilfreich, mit mir in Kontakt zu treten, um diese wichtige Frage zur Evidenz basierten Medizin zu diskutieren. Es ist durchaus vielschichtig und ich kann viele der Aussagen von Prof. Baethge nachvollziehen. Außerdem bitte ich, seine Meinung persönlich zu vertreten und sich nicht hinter NN zu verstecken. Wir wollen vorankommen, dazu ist der Dialog wichtig.

  4. Noch ein Nachtrag: Es gibt keine „Wahrheit“, es gibt unterschiedlich Perspektiven von Erlebnissen bzw. Wahrnehmung. Vielleicht können Sie den Artikel von Prof. Baethge im Ärzteblatt deshalb unter diesem Aspekt anders bewerten. Und gemeinsam schaffen wir es, eine Weiterentwicklung anzustoßen. Schönen Abend noch!

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