Britische Notfallmedizin als Vorbild ungeeignet?

Das hochpolitische Thema der „Notfallmedizin“ in Deutschland wird weiter im Deutschen Ärzteblatt thematisiert. In einem aktuellen Meinungsbeitrag …
weist Kollege KC Thies, der als Consultant in der Anästhesie in Birmingham tätig ist, auf erhebliche Missstände in der britischen Notfallversorgung hin. Vor kurzem kam es offensichtlich zu einem Zwischenfall in einer Notaufnahme in Worcester, der von den britischen Medien aufgegriffen wurde. BBC berichtete im März 2015, dass es in Worcester auf den Korridoren einer Notaufnahme zu Herz-Kreislaufstillständen gekommen war. Gleichzeitig thematisiert er Defizite in der Traumversorgung und über die Einführung der Fachdisziplin „Akutmedizin“ (weiteres siehe hier).

Aus diesen Berichten und offensichtlich genährt aus den eigenen Erfahrungen (er ist aktiv im European Trauma Course eingebunden) leitet er ab, dass das in Deutschland häufig zitiert positive Bild aus Großbritannien nicht als Vorbild für eine „Interdiszplinäre Notfallmedizin“ geeignet ist.

Ich persönlich war nie in GB tätig, und kann ich nicht solide argumentieren. In meinen persönlichen Kontakten zu „britischen Notfallmedizinern“ habe ich jedoch durchaus ein anderes Bild gewonnen und mir deshalb die vom Kollegen zitierten Quellen nochmals kurz durchgeschaut und sehe die vom Kollegen vorgebrachten Argumente sehr kritisch und sehr aus einer persönlichen Sichtweise dargestellt.

Ich leite aus dem Artikel und den aufgeführten Zitaten für mich folgende Folgerungen ab:
1) In Großbritannien gibt es eine Institution , die sich mit der Versorgungsqualität auf überregionaler Ebene beschäftigt. Der zitierte Bericht wurde 2004 angestossen und 2007 veröffentlicht. Diese Defizite wurden von der Regierung/Behörden aufgegriffen und zwischenzeitlich sind seit 2010 Traumanetzstrukturen etabliert. Auch in Deutschland wurden diese Netzwerke etabliert. Hier hat das Engagement vieler Einzelner unter der Schirmherraschaft der DGU erheblich beigetragen, evidente Defizite durch Netzwerkbildung, Qualifizierung und Entwicklung von Standards weiterzuentwickeln. Die Einführung einer Institution, die kritisch die Versorgungsprozesse evaluiert, wäre auch für Deutschland aus meiner Sicht sehr hilfreich. Das NCEPOD weist ja in verschiedenen Bereichen der medizinischen Versorgung – und nicht nur für die Notfallmedizin – auf Verbesserungspotential hin. Ich erinnere an einen früheren Beitrag zur Versorgung älterer Patienten. Und die Argumentationen von NICE sind immer hochinteressant, brilliant und für uns eine große Hilfe. Durch die Einführung einer derartigen, zentralen Struktur, die eine Neutralität besitzt, würde sich aus meiner Sicht viel Potential auch für Deutschland eröffnen. Dass in Deutschland viel Geld ausgegeben wird, und die Ergebnisse aus nationaler Sicht aufgrund von Fragmentierung Optimierungspotential hat, habe ich ja vor kurzem diskutiert und verweise z.B. auf einen aktuellen OECD Bericht über die Versorgung von akuten kardiovaskulären Erkrankungen, wo Deutschland in den Ausgaben führt, in den Ergebnissen erhebliches Optimierungspotential hat.
2) Die Gründung der Fachspezialität „Acute Medicine“ in GB basiert auf anderen Argumenten wie von Kollegen Thies vorgetragen und wird als Folge der immer stärkeren Spezialisierung in den einzelnen Fachgebieten gesehen. Vielleicht auch ein Modell für Deutschland?
3) Ich persönlich habe die Briten noch nie als Argumentationsgrundlage für einen Facharzt „Interdiszplinäre Notfallmedizin“ verwendet. Aber es gibt viele positive Merkmale, die auch in Deutschland gut anwenden ließen. Man kann sich sicherlich einiges von den Briten abschauen.

Ich bin von vielen Publikationen und auch in den persönlcihen Kontakten fasziniert von der Brillianz der Fachdiskussionen unserer britischen Kollegen – und nicht nur von den Notfallmedizinern – und dem Versuch „Evidenz basierte Medizin“ in die klinische Praxis umzusetzen. Das man dafür Ressourcen benötigt, ist unbestreitbar und hier haben wir gegenüber unseren europäischen Nachbarn erhebliche Vorteile.

Eine wirklich spannende Diskussion, vielleicht können Sie ihre eigene Meinung hierzu posten. Würde mich sehr interessieren.

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Ein Gedanke zu „Britische Notfallmedizin als Vorbild ungeeignet?

  1. Und mal wieder schafft es medienwirksames Geschwätz .. diesmal zwar nicht auf die Titelseiten .. aber als Kommentar in die „Deutsche Ärztezeitung“ Das Standesblatt der deutschen Ärzteschaft !

    Zum Glück findet sich hier auf den Seiten der DGINA eine gute Quellenrecherche.
    Dafür Danke !

    Ich habe in UK gelernt und gearbeitet. Die dortige Fehlerkultur ermöglicht Reflektion und Verbesserung. Wie gehen wir in Deutschland mit Fehlern um ?

    Wie wäre es denn, wenn wir die Größen der britischen Notfallmedizin mal einladen und mit denen über ihr System reden statt darüber zu reden?

    Oder wir fragen mal die drei Kollegen, die ihre EUSEM Prüfung bestanden haben. Immerhin haben auch diese in UK gearbeitet und können uns sagen was anders läuft und wo wir besser werden könnten.
    Schließlich kann man ja von Freunden lernen.

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