Bleibt die medizinische Ausbildung dem Zufall überlassen?

Möglicherweise haben bereits frühere Generationen den Wissensmangel der nachfolgenden Generationen beklagt. In einem aktuellen Editorial im BMJ wird nun das „Funding“ von Forschung zu „Medical Education“ diskutiert:

Unsere studentische Ausbildung, aber auch die postgraduierten Ausbildung ist meist dem Zufall überlassen. Würde man das mit der Autoindustrie vergleichen, hieße das, dass wir unsere Mittel in neueste Maschinen und die abgefahrenste Technologie stecken, aber für das notwendige Schmiermittel wie Öl nur billigst investieren.

Dieses Beispiel lässt sich auch in die Medizin übertragen: Schnell ist ein neues Gerät gekauft, ein neuer Assay bestellt … wie diese Techniken aber nun angewendet werden können und in den Kontext der täglichen klinischen Arbeit übersetzt werden kann, bleibt häufig verschlossen: So ist mir z.B. unklar, wie die sehr differenzierten, am letzten Montag besprochenen NSTEMI Guidelines in die tgl Praxis transferiert werden können bzw. sollen.

Die Autoren des Editorials thematisieren nun, dass derzeit für Forschung in „Medical Education“ nur wenige Mittel investiert werden. Diese obliegt augenblicklich noch wenigen Enthusiasten, die ihre Freizeit investieren und häufig wenig Anerkennung erhalten. In den USA und in Großbritannien werden bereits einige Forschungsprogramme für Medical Education aufgesetzt. Die zur Verfügung stehenden Mittel sind jedoch noch relativ gering. Ähnliche Wege geht auch Deutschland. Die Investition in die Bildung des ärztl. Nachwuchs ist jedoch Grundvoraussetzung, um moderne Medizin überhaupt anwenden zu können. Das Wissen ist dermaßen komplex und umfangreich, dass man versuchen sollte, Redundanzen und Fehlinvestitionen in Aus- bzw. Fortbildung zu vermeiden. Auch das Thema „Lernen 2.0 wird immer wieder thematisiert. Wer von uns nutzt nicht gerne Blogs, Podcasts etc, um sein Wissen zu erweitern. Aber Vorsicht ist geboten, was dort alles verbreitet wird, muss nicht unbedingt mit Evidence based Medicine zu tun haben … kann sogar für Patienten gefährlich sein! Genial wäre, wenn sich auch die Protagonisten von Social Media an Standards von Medical Education halten würden. Siehe hier.

Gerne noch werden auch auf obersten Ebenen Sprüche wie „see one, do one, teach one“ oder “ auch wir haben uns durchgekämpft“ als kulturelles Allgemeingut in der Medizin kommuniziert. Eigentlich schade: Ein Blick in andere Branchen zeigt, dass dort erhebliche Mittel in die Ausbildung des Personals investieren … in ‚human resources‘ … und nicht wie in der Medizin viel dem Zufall überlasst.

Wer sich mit „Lernen“ näher beschäftigen will, sollte mit dem exzellenten Buch des Neurobiologen Spitzer gleichen Titels beginnen. Nach der Lektüre wird man feststellen, dass die gegenwärtige Praxis von Schule und Universität wenig mit modernen Erkenntnissen von Lernvorgängen gemein haben. Diese Erkenntnisse könnten Anstoß sein, auch in der Postgraduierten Ausbildung etwas zu ändern.

Das war’s mal wieder aus Nürnberg …. keep calm and join again!

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Ein Gedanke zu „Bleibt die medizinische Ausbildung dem Zufall überlassen?

  1. Bei uns hieß es eigentlich immer: „Klappe halten und lernen.“ Entweder in genau diesem Wortlaut oder sinngemäß.
    Ich erinnere mich noch an den hochspezialisierten Augenchirurgen, der uns erklärt hat, dass man doch bitte nichts am Lehrsystem hinterfragen soll, bis man nicht mindestens einige Jahre Facharzt war.
    Oder in der Gyn, wo man als männlicher Student einer gynäkologischen Untersuchung nur beiwohnen durfte, wenn man auch plante Gynäkologe zu werden.

    Als gerade approbierter Arzt kann ich exakt die vier Umstände nennen, in denen ich während des klinischen Studienteils gute Lehre erhalten habe.
    1) In meiner ersten Famulatur, in der mich ein Assistenzarzt täglich bespaßt und mir alle Basics beigebracht hat. Damals dachte ich, das sei immer so und wusste es nicht genug zu würdigen. (also im Grunde durch Zufall)
    2) Im Blockpraktikum Innere auf der onkologischen Isostation (viel Personal, wenig Patienten -> viel Lehre) (also durch Zufall)
    3) Im Blockpraktikum Palliativmedizin (nicht zufällig, aber der Motivation einzelner Lehrender geschuldet)
    4) Im PJ in der Allgemeinmedizin (siehe 3.)

    Aber im Job wird sicher alles besser, man folge einfach dem Rat eines Ausbilders und „geht einfach mal selbständig in den Keller des Krankenhauses und übt dort an Tierkadavern bis ins Morgengrauen“. Ohne ähnlichen persönlichen Einsatz kann man ja wohl auch nicht erwarten, jemals was zu lernen…

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