Müssen Sie auch Arztbriefe korrigieren?

Heute war mal wieder Arztbriefkorrektur auf meiner Agenda. Und da stolperte ich über die Entlassdiagnose „V.a. Gastritis“. Wie geht es Ihnen dabei?

So manche Dinge schleichen sich dermaßen in das Kollektivwissen ein, dass sie kaum korrigierbar sind und wenn man die Kollegen darauf anspricht, man eigentlich nur fragendes Unverständnis erntet. „Ja ich verstehe das schon, aber ….“ Wer kennt das nicht. Warum nun dieser Aufwand?

Ich finde, dass es in der Medizin im Allgemeinen und speziell auch in der Notfall- und Akutmedizin wichtig ist, die richtige Terminologie zu verwenden. Oder besser: Die richtige Arbeitshypothese (Arbeitsdiagnose) zu formulieren … daraus leiten sich weitere Schritte ab. Und ggf. muss man die Arbeitsdiagnose auch mal revidieren. Ich hatte in einem lange zurückliegenden Post schon mal das Thema der Differentialdiagnose angesprochen. Ein absolut empfehlenswertes Buch ist das hier. Es lohnt sich für den Beginner, aber auch für den Erfahrenen dieses Buch zu schmökern. Ein absoluter Pageturner!

„Gastritis“ tut eben mal nicht weh, und ist keine der prominenten Diagnosen einer Dyspepsie. Letztendlich ist eine Gastritis eine histopathologische Diagnose und hat wenig bis nichts mit epigastrischen Schmerzen zu tun … aber ich will von vorne beginnen:

Viele Patienten der Notaufnahmen stellen sich mit unklaren, epigastrischen Oberbauchbeschwerden vor. Der korrekte „Terminus technicus“ lautet hier: DYSPEPSIE oder, um spezifischer zu werden, um ein „Epigastrisches Schmerzsyndrom“.

Wie verwenden wir den Begriff Dyspepsie? Dyspepsie ist definiert als:

●Postprandiales Völlegefühl
●Frühe Sättigung (postprandiales Distresssyndrom)
●Epigastrische SChmerzen oder Brennen („epigastrisches Schmerzsyndrom“)

In etwa 25% der Fälle liegt eine organische Ursache zugrunde (meist: gastroösophagealer Reflux, Ulkusleiden, Karzinom, Medikation und vieles, vieles mehr … ), in 75% der Fälle sind funktionelle Beschwerden die Ursache. Von Gastritis in den einschlägigen Übersichten kein Wort.

Wichtig für die Arbeit in der Primärversorgung (Hausarzt, Notaufnahme) ist, Alarmzeichen bei Dyspepsie zu erkennenAlarmzeichen für eine schwerwiegende Grunderkrankung bei Dyspepsie sind:
-Alter über 55 Jahre bei neu aufgetretener Dyspepsie
– Familienanamnese für Karzinum des oberen GI-Trakts
– unbeabsichtigter Gewichtsverlust
– Gastrointestinale Blutung
– Progressive Dysphagie
– Odynophagie
– Unerklärte Anämie
– Persistierendes Erbrechen
– Palpable Raumforderung
– Hyperbilirubinämie

Folgender Abklärungsalgorithmus der entsprechenden amerikanischen Empfehlungen wird vorgeschlagen:

Mgmt_dyspepsia_AGA_NW

Zusammenfassend hoffe ich, zumindest bei mir nun in der Klinik häufiger die „Entlassdiagnose“ „Dyspepsie“ zu lesen, gerne auch mit „unklarer Genese“ versehen oder mit „ohne Alarmzeichen“ ergänzt. Aus meiner Sicht kann gerne auch eine Symptombeschreibung bei Entlassung aus der Notaufnahme verwendet werden. Eine Symptombeschreibung lässt zu, andere Wege in der weiteren Abklärung zu gehen, während eine inkorrekt gefasste Diagnosestellung zu Fehlleitungen durch zu vorzeitige Fokussierung führen mag.

Also, das wär´s mal wieder gewesen von uns … Bald geht’s weiter! Join us again!

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