Welches Triage System ist das Richtige?

In Deutschland wurde zwischenzeitlich von zahlreichen Notaufnahmen ein fünf-stufiges Triagesystem eingeführt. Die Einführung dieses Instruments trägt enorm bei, die Notfallmedizin in Deutschland weiter zu professionalisieren …

Vor kurzem wurde ein Übersichtsartikel in der Med. Klinik – Notfall- und Intensivmedizin zu dieser Thematik publiziert, der aus nicht nur aus meiner Sicht sehr einseitig die Bedeutung des MTS thematisiert. Wie viele von Euch wissen, arbeite ich eng mit Florian Grossmann, Christian Nickel und Roland Bingisser aus Basel zusammen, die wesentlich zur Einführung des ESI in deutschsprachigen Ländern beigetragen haben. Wir haben gemeinsam zwei Leserbriefe zu dieser Thematik angefertigt. Um Ihnen einen Überblick in dieser Diskussion zu geben, erlauben wir uns gemeinsam, nach Initiative von Florian, die Inhalte nochmals kurz zusammenzufassen (Texte erstellt von Florian und Christian, und von Roland und mir noch gegengelesen):

In der klinischen Notfallversorgung hat sich die Verwendung von Triageinstrumenten als Standard etabliert. Nur: Welches Triageinstrument ist am besten geeignet?

Zu diesem Wichtigen Thema in der Märzausgabe von Medizinische Klinik Intensivmedizin und Notfallmedizin ein Übersichtsartikel, der allerdings Fehler bei der Betrachtung des Emergency Severity Index aufwies. Auf diese Fehler wiesen wir in einem Leserbrief hin, der in derselben Ausgabe veröffentlicht wurde.

Leider fanden sich in der Stellungnahme des Autors erneut Fehler, die wir in einem weiteren Leserbrief korrigietren, wozu uns die Herausgeber in der Septemberausgabe die Möglichkeit gaben (Ist MTS oder ESI besser? Bitte genau hinsehen. Selbstverständlich nahm auch der Autor wieder Stellung (“To triage or not to triage “… frei nach Shakespeare). Und erneut werden Dinge behauptet, die wir klarstellen möchten. Da die Herausgeber befürchteten, ihre Leser zu langweilen, verzichteten sie auf eine Veröffentlichung.

Aufgrund des regen Interesses an unseren Leserbriefen (zuletzt 253 Downloads,) spekulieren wir, dass es durchaus Personen gibt, die gerne auch noch unsere dritte Richtigstellung lesen würden, um sich eine Meinung zu bilden.

Wir wollen auch mit Shakespeare antworten:
„Behauptung ist nicht Beweis“ (Shakespeare, Othello)

Autoren: C. H. Nickel, R. Bingisser, M. Christ, F. F. Grossmann , 25.07.2016
Herr Krey behauptet, dass der Emergency Severity Index (ESI) für das deutsche Gesundheitssystem nicht geeignet sei. Richtig ist jedoch, dass eine kulturelle Adaptation des ESI geprüft und auf der Basis einer Erhebung innerhalb der EuSEM (also inklusive Deutschland) für nicht angezeigt befunden wurde. [1]
Bezüglich Herrn Kreys Behauptungen zur maximalen Zeit bis zum Arztkontakt bei der Triage mit dem ESI ist folgendes zu korrigieren: Es ist Sache der jeweiligen Notaufnahme für Patienten mit ESI Level 3-5 einen maximalen Zeitrahmen bis zum Behandlungsbeginn festzulegen. [2]
Herr Krey stellt in Frage, ob mit Hilfe der Abschätzung der benötigten Ressourcen am Entscheidungspunkt C des ESI-Algorithmus eine Entscheidung über die Dringlichkeit getroffen werden kann. Der Zusammenhang zwischen Ressourcenbedarf im Sinne des ESI und Patientenoutcomes (inklusive Notwendigkeit einer stationären Aufnahme und Mortalität) ist jedoch belegt. [3, 4, 1]
Herr Krey behauptet erneut, die Realität in den deutschen Notaufnahmen mache es notwendig, dass wenig erfahrene Pflegende oder andere Berufsgruppen mit der Triage betraut werden müssten. Diese Realität widerspricht internationalen Standards [5, 6] und sollte korrigiert werden. Triage ist ein klinischer Entscheidungsfindungsprozess [7], der Fachwissen und Erfahrung erfordert [8]. Für eine Verwendung des ESI in Deutschland spricht nicht nur das derzeitige Wissen, sondern auch die Erfahrung aus zahlreichen deutschen Notaufnahmen.

1. Grossmann FF, Nickel CH, Christ M, Schneider K, Spirig R, Bingisser R. Transporting clinical tools to new settings: cultural adaptation and validation of the emergency severity index in german. Ann Emerg Med. 2011;57(3):257-64. doi:S0196-0644(10)01251-5 [pii] 10.1016/j.annemergmed.2010.07.021 [doi].
2. Gilboy N, Tanabe P, Travers D, Rosenau A. Emergency Severity Index (ESI): A Triage Tool for Emergency Department Care, Version 4. Imlementation Handbook 2012 Edition. Rockville: Agency for Healthcare Research ans Quality; 2011.
3. Egermayer P, Town GI, Turner JG, Heaton DC, Mee AL, Beard ME. Usefulness of D-dimer, blood gas, and respiratory rate measurements for excluding pulmonary embolism. Thorax. 1998;53(10):830-4.
4. Tanabe P, Gimbel R, Yarnold PR, Kyriacou DN, Adams JG. Reliability and validity of scores on The Emergency Severity Index version 3. Acad Emerg Med. 2004;11(1):59-65.
5. European Society for Emergency Nursing. Agreed position statement. 2015. www.eusen.org/statements_020.htm. Accessed July 25 2016.
6. Emergency Nurses Assiciation. Position statement: Triage qualifaications. 2011. www.ena.org/SiteCollectionDocuments/Position%20Statements/TriageQualifications.pdf.
7. Reay G, Rankin JA. The application of theory to triage decision-making. Int Emerg Nurs. 2013;21(2):97-102. doi:10.1016/j.ienj.2012.03.010.
8. Klein G. Naturalistic decision making. Hum Factors. 2008;50(3):456-60.

Ich hoffe, dass Ihnen allen unser kleiner Beitrag, der von Christian federführend geschrieben wurde, hilft, Ihre eigene Meinung zu formen. Ich persönlich bin überzeugt, dass die Einführung fünf-stufigen Triagesystemen einen enormen Beitrag geliefert hat, die Arbeit in den Notaufnahmen deutschsprachiger Länder zu professionalisieren. Ich würde mir jedoch wünschen, dass der fachliche Diskurs sich an üblichen wissenschaftlichen Standards orientiert und die Behauptungen sich in Zitaten nachvollziehen lassen.

Meine ganz persönliche Meinung in dieser Diskussion ist, dass jedes der fünf-stufigen Triagesysteme Stärken, aber auch Schwächen hat. Diese müssen bedacht und berücksichtigt werden. Jeder der genannten Triagesysteme unterstützt prinzipiell, die Priorisierung von Notfallpatienten zu verbessern, Es lässt sich aber nicht alles in einen Algorithmus pressen. Die Mustererkennung und das „Bauchgefühl“ von in der Notfallmedizin erfahrenen Pflegenden und Ärzten ist deshalb unabdingbar notwendig, egal ob MTS oder ESI.

Das war´s diesmal aus Südaustralien (Regen, Kälte, Windböen … kein Grund um neidisch zu werden 😉 Stay tuned and join again!

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