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GeriQ © Quality Indicators for Geriatric Emergency Care - Entwicklung von Qualitätsindikatoren für die Versorgung von geriatrischen Notfallpatienten

Hintergrund und Ziele: Die Alterung der Gesellschaft zeigt sich auch in einer steigenden Zahl an älteren Notfallpatienten. Geriatrische Notfallpatienten zeichnen sich durch deren komplexe und atypische Beschwerdebilder, kognitive Einschränkungen und vielschichtige Pflegesituationen aus. Studien belegen bei dieser vulnerablen Patientengruppe negative Outcomes, wie eine höhere Rate an Fehldiagnosen, Medikationsfehler und ungeplante stationäre Wiederaufnahmen. In der derzeitigen klinischen Notfallversorgung werden geriatrische Besonderheiten und Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt. Die gesetzlich geforderte Qualitätssicherung für Einrichtungen im Gesundheitswesen und aktuelle Qualitätsoffensiven in den deutschen Notaufnahmen zeigen zunehmende Bestrebungen der Qualitätssicherung und -verbesserung hin zu einer höheren Patientensicherheit. Definierte Qualitätsindikatoren ermöglichen es, die Versorgungsqualität messen, vergleichen und verbessern zu können. Qualitätsindikatoren für die Gruppe der geriatrischen Notfallpatienten finden sich aktuell nur vereinzelt. Ziel dieses Forschungsvorhabens ist die Entwicklung von Qualitätsindikatoren für eine geriatrische Notfallversorgung.

Vorgehen: Bei der Entwicklung der Qualitätsindikatoren wurde auf die Gütekriterien: Wissenschaftlichkeit, Relevanz und Praktikabilität geachtet. Um evidenzbasiert vorzugehen, greift unter Einbeziehung von Experten der Ansatz einer Methodentriangulation in dieser Studie. Neben einer systematischen Literaturrecherche wurde ein interdisziplinär und transprofessionell besetztes Expertenpanel gebildet, welches in drei Treffen im Delphi-Verfahren (a) potentiell relevante Qualitätsaspekte identifizierte, (b) diese Qualitätsaspekte hinsichtlich der Relevanz bewertete und aufbauend auf eine deskriptive Querschnittserhebung zur Datenverfügbarkeit in den deutschen Notaufnahmen (c) einen Konsens zu letztendlich empfohlenen Qualitätsindikatoren gefunden hat.

Teilnehmer: Das Expertenpanel bestand aus drei Notfallpflegenden, drei Notfallmedizinern, einer Geriaterin, einem gesundheitsökonomischen Experten, einem pharmakologischen Experten und zwei Vertretern der geriatrischen Patientengruppe. Die Akquirierung geeigneter Experten erfolgte über die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin e.V. (DGINA). Die Querschnittsanalyse richtete sich an Notfallpflegende und Notfallmediziner in führenden Positionen und wurde durchgeführt unter Beachtung einer repräsentativen Stichprobenzusammensetzung unter DGINA-Mitglieder der deutschen Notaufnahmen.

Datenerhebung und Datenauswertung: Im Rahmen von Datenbankrecherchen wurden Guidelines, (systematische) Übersichtarbeiten und Meta-Analysen gesucht. Im ersten Expertentreffen (a) fand eine Gruppendiskussion statt, welche mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring mittels MAXQDA ausgewertet wurde. Die Relevanzbewertung im zweiten Expertentreffen (b) erfolgte über ein schriftliches Bewertungsverfahren aus drei Perspektiven (Bedeutung, Nutzen und Risiko), angelehnt an das Instrument QUALIFY. Zur Konsensfindung im dritten Expertentreffen (c) unterstützte die RAND-UCLA Appropriateness Method. Die deskriptive Querschnittserhebung in den deutschen Notaufnahmen wurde mit einem standardisierten Fragebogen durchgeführt, Häufigkeitsverteilungen und Korrelationen wurden mittels SPSS statistisch ausgewertet.

Ergebnisse: In der vorbereitenden Literaturrecherche konnten definierte geriatrische Forschungsschwerpunkte, bereits beschriebene Qualitätsindikatoren und Guidelines zur Versorgung von geriatrischen Notfallpatienten gefunden werden.

Die im ersten Expertentreffen 11/2014 diskutierten potentiell relevanten Qualitätsaspekte konnten in zwölf Kategorien zusammengefasst werden: Ausbildung, Personal, Ausstattung/ Zubehör, Kommunikation/Information, pflegerische Betreuung, ärztliche Behandlung, Identifikation von geriatrischem Handlungsbedarf, Risikofaktor Sturz, Schmerz, kognitive Einschränkung, Medikation und Pflegebedarf (Inkontinenz und Dekubitus). Eine systematische Literaturrecherche zu den potentiell relevanten Qualitätsaspekten identifizierte 18 Übersichtsarbeiten. Im zweiten Expertentreffen 03/2015 wurden die identifizierten Qualitätsaspekte von den Experten zu 41 Qualitätsaussagen umformuliert. Alle 41 Qualitätsaussagen wurden von den Experten auf Basis deren Expertise und den Ergebnissen der systematischen Literaturrecherche als relevant bewertet. Ein Operationalisieren der relevanten 41 Qualitätsaussagen in 69 Qualitätsindikatoren fand 04/2015 statt. An der deskriptiven Querschnittserhebung von 07/2015-09/2015 beteiligten sich mit einem 100%igen Rücklauf 25 pflegerische und ärztliche Notaufnahmeleitungen. In den Notaufnahmen zeigt sich aktuell eine überwiegend konsiliarische Zusammenarbeit mit Geriatern. Weder die Größe der Klinik, noch die Anzahl der Behandlungsfälle in den Notaufnahmen oder die Art der Dokumentation haben Einfluss auf die aktuelle Datenverfügbarkeit zu den Qualitätsindikatoren. Zu den Risikofaktoren Sturz, Schmerz, kognitive Beeinträchtigung, Medikation und Pflegebedarf werden in mehr als der Hälfte der Notaufnahmen aktuell und auch geplant keine Daten erhoben, was eine Diskrepanz zwischen den evidenzbasierten und relevanten Anforderungen an eine geriatrische Notfallversorgung und der aktuellen umgesetzten geriatrischen Notfallversorgung zeigt. Die Expertengruppe hat im letzten Expertentreffen 12/2015 alle Qualitätsindikatoren, außer der Forderung nach einem separaten Wartebereich, als machbar bewertet. Am Ende des Entwicklungsprozesses steht somit ein Set an 67 evidenzbasierten, relevanten und machbaren Qualitätsindikatoren (33 Prozess-, 29 Struktur- und 5 Ergebnisindikatoren).

Eine nachgelagerte Priorisierung betont folgende fünf Qualitätsaspekte einer geriatrischen Notfallversorgung (TOP 5): aktiver Ausschluss eines Delirs, Medikations-anamnese inklusive Plausibilitätsprüfung, geriatrisches Fachwissen und soziale Kompetenzen im Umgang mit geriatrischen Patienten, Identifikation von geriatrischem Handlungsbedarf und möglicher Sturzrisikofaktoren.

Schlussfolgerungen: Dieses aufgezeigte methodische Vorgehen zur Entwicklung von Qualitätsindikatoren entspricht den geforderten methodischen Gütekriterien. Das letztendlich empfohlene Set an 67 Qualitätsindikatoren (GeriQ-ED) kann den deutschen Notaufnahmen eine Orientierung zur geriatrischen Notfallversorgung geben und langfristig eine definierte Versorgungsqualität sichern. Eine prospektive Testung der entwickelten Qualitätsindikatoren ist nachfolgend geplant.

 

Zitation und Urheberrechte:

Diese Tabelle zeigt das entwickelte Set an 67 evidenzbasierten, relevanten und machbaren Qualitätsindikatoren....

Prof. Dr. Susanne Schuster, Priv. Doz. Dr. Katrin Singler, Prof. Dr. Harald Dormann; GeriQ – Entwicklung von Qualitätsindikatoren für die Versorgung von geriatrischen Notfallpatienten

 

Kontakt:
Prof. Dr. Susanne Schuster
Evangelische Hochschule Nürnberg
susanne.schuster@evhn.de


Autor: Prof. Dr. Susanne Schuster, Priv. Doz. Dr. Katrin Singler, Prof. Dr. Harald Dormann
Abteilung: AG Älterer Patient in der Notaufnahme
Veröffentlicht: 23.12.2017




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