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Gezielt Verantwortung übernehmen: Interview mit Margot Dietz-Wittstock

Flexibilität, Stressresistenz, eigenverantwortliches und selbstständiges Arbeiten – die Versorgung von Notfällen in Kliniken erfordert von Pflegekräften ein hohes Qualifikations- und Kompetenzniveau. Und die Anforderungen steigen weiter. Denn Notaufnahmen sind nicht nur zentrale Anlaufstelle für Patienten, Rettungsdienstmitarbeiter oder Notärzte, sondern entwickeln sich zunehmend zu einem interdisziplinären Dienstleistungszentrum innerhalb der Klinik mit einer wichtigen Steuerungsfunktion.

Im Interview spricht DGINA-Vizepräsidentin Margot Dietz-Wittstock, M.Sc., unter anderem über die Rolle der Notfallpflege und aktuelle Herausforderungen.

 

Welchen Stellenwert hat die Pflege in Notaufnahmen?

Dietz-Wittstock: Die Notfallpflege hat sich zu einer unverzichtbaren und tragenden Säule in der professionellen interdisziplinären Notfallversorgung entwickelt, die gleichbedeutend mit den Ärztinnen und Ärzten ist. Sie ist Bindeglied und Sprachrohr zugleich für die einzelnen Professionen. Zudem ist sie zentraler Anlaufpunkt für Patientinnen, Patienten und Angehörige – und das nicht nur hinsichtlich des akutmedizinischen Handlungsbedarfes, sondern bei allen Bedürfnissen und Anliegen. Notfallpflege kann kompetent einschätzen, pflegen, behandeln, beraten und helfen.

 

Wie hat sich das Aufgabengebiet der Pflege in Notaufnahmen gewandelt?

Dietz-Wittstock: Inzwischen ist es in vielen Notaufnahmen gängige Praxis, dass die Pflege eigenständig die Ersteinschätzung der Patienten nach standardisierten und validierten Verfahren vornimmt. Gerade durch den wachsenden Anteil an chronisch Erkrankten oder älteren Patientinnen und Patienten sowie der damit verbundenen Multimorbidität und Vulnerabilität kommt der Pflege dabei eine immer bedeutendere Rolle zu, um auch weiterhin eine qualitativ gute Notfallversorgung gewährleisten zu können. Ziel ist es stets, behandlungsdringliche Patientinnen und Patienten einer zügigen Diagnostik und Versorgung zuzuführen, um drohende Gefahren und negative Erkrankungsverläufe zu verhindern.

 

Wie kann die Pflege das sicherstellen? 

Dietz-Wittstock: Durch langjährige Berufserfahrung und umfangreiche Aus-, Fort- und Weiterbildungen haben sich viele Pflegekräfte die nötigen Kompetenzen angeeignet, um diese Entscheidungen schnell und sicher treffen zu können. Und genau das wird im interprofessionellen Team auch von ihnen erwartet: ein interdisziplinärer Blick – ohne Fokussierung auf eine spezielle Fachrichtung. Damit übernehmen Pflegende zum Zeitpunkt des Eintreffens einer Patientin oder eines Patienten in der Notaufnahme gezielt Verantwortung. Ohne diese Übernahme von Verantwortung wäre ein reibungsloser Behandlungsablauf in der Notfallversorgung nicht möglich.

 

Und was passiert in unklaren Situationen?

Dietz-Wittstock: Grundsätzlich sollte die Ersteinschätzung ein Aufgaben- und Kompetenzbereich von Notfallpflegenden mit spezieller Schulung und Erfahrung sein. In unklaren Situationen erfolgt stets eine Rücksprache mit dem ärztlichen Personal. Dieser Teamdiskurs ist einer der wichtigsten Charakteristika der Notfallmedizin.

Vielerorts platzen Notaufnahmen aus allen Nähten? Wie geht die Pflege mit dieser Situation um?

Dietz-Wittstock: Tatsächlich ist der Umgang gerade mit nicht dringlich zu behandelnden Patientinnen und Patienten in Crowding-Situationen eine der zentralen Herausforderungen. Aus Sicht der Notfallpflege ist es inakzeptabel und despektierlich, weniger dringliche Fälle als Bagatelle zu betrachten. Jeder Mensch, der eine Notaufnahme aufsucht, ist sich zunächst und ganz natürlich selbst der Nächste – mit allen Konsequenzen, die aus seiner Beeinträchtigung resultieren, wie etwa Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Angst. Er sucht Hilfe bei den Experten der Notfallversorgung. Von ihnen erwartet er eine kompetente und nachvollziehbare Erklärung, um die weiteren Schritte oder Handlungsempfehlungen zu verstehen. An diesem Punkt ist insbesondere die Notfallpflege gefordert und fungiert als das bereits erwähnte Sprachrohr.

 

Wie gehen die Patientinnen und Patienten mit diesen Handlungsempfehlungen um?

Dietz-Wittstock: Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen das Dilemma der priorisierenden Notfallversorgung versteht. Sie sind zufrieden mit der kompetenten pflegerischen Ersteinschätzung. Dazu gehört auch, ihnen Alternativen aufzuzeigen und sie möglicherweise wieder in den ambulanten Sektor zurückzuschicken.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Notfallpflege?

Dietz-Wittstock: Notfallpflege in Deutschland ist bereits heute in der Lage, vielfältige und komplexe Entscheidungen in der akuten Notfallversorgung zu treffen. In vielen anderen Ländern ist dies bereits seit langem legitimiert und selbstverständlich. Denn nur durch einen ergänzenden und umfassenden pflegerischen Blick auf die Patientinnen und Patienten können kompetente Entscheidungen im Rahmen einer interdisziplinären Notfallversorgung gelingen. Dies gilt es hierzulande stärker zu würdigen und etwa durch weitere Delegations- oder Substitutionsvereinbarungen im interprofessionellen Team zu stärken.


Autor: Marten Scheibel
Abteilung: Pressestelle
Veröffentlicht: 08.06.2017


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