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Information und Position der DGINA zur derzeitigen Entwicklung „Ersteinschätzung“

Information zur derzeitigen Entwicklung „Ersteinschätzung“

Nach Plänen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) soll zukünftig „Gesundheitsfachpersonal“ am gemeinsamen Tresen vor den Notaufnahmen die Ersteinschätzung aller Selbsteinweiser vornehmen. Hierzu soll eine Version eines neuen bisher nicht validierten Triage-Instruments mit dem Namen SmED (Systematische medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) angewandt werden.
Die Logik der Tresen-Version von SmED fokussiert auf Niedrigrisikopatienten und wird derzeit noch kontinuierlich in wesentlichen Punkten verändert. Deshalb warnt die DGINA vor einer systematischen Anwendung. Insbesondere darf ein solches System nicht dazu eingesetzt werden, Patienten wegzuschicken, die aus einer empfundenen Notlage heraus ein Notfallzentrum aufsuchen, ohne dass ein ärztlicher Kontakt stattgefunden hat.
Die DGINA warnt: Der Einsatz von SmED am "gemeinsamen Tresen" birgt viele Risiken für die Patientensicherheit!
 
Um Hochrisikopatienten am gemeinsamen Tresen sicher identifizieren zu können, fordert die DGINA die bereits in Notaufnahmen etablierten Triagemethoden wie das Manchester Triage System (MTS) oder den Emergency Severity Index (ESI). Qualifizierte Notfallpflegende garantieren hierbei die zuverlässige Anwendung.
 
Ausgangslage und Auftrag der Gesundheits-Politik
Zur Neuorganisation der Notfallversorgung wird gesundheitspolitisch eine bessere Steuerung der Akut- und Notfallpatienten gefordert*. Im Fokus stehen dabei, eine standardisierte medizinische Erstberatung durch die Notfallnummer 116 117 und eine sogenannte „Tresen Triage“ in den interdisziplinären Notfallzentren, die eine Kooperation zwischen kassenärztlichen Notdienst und Zentraler Notaufnahme darstellen.
(*SVR Gutachten 2018 und Eckpunktepapier 2018 des Bundesministeriums für Gesundheit)
 
Ersteinschätzung mittels SmED am Telefon - Notfallnummer 116 117 
In den KV-Telefonnotrufzentralen, die über die 116 117 erreichbar sind, soll deutschlandweit ein einheitliches Triage-Instrument etabliert werden. Dieses Instrument nennt sich Systematische medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) und ist von dem Schweizer System SMASS aus der Telefonberatung abgeleitet. Derzeit wird SmED im medizinischen Beirat des ZI unter Mitwirkung von Experten für die Telefon-Triage hinsichtlich der Praktikabilität und Akzeptanz erprobt.
 Durch diese systematische Ersteinschätzung am Telefon sollen die Patienten beispielsweise dem Rettungsdienst, einer ambulanten Behandlung oder einer telefonischen ärztlichen Beratung zugeführt werden. Dieses Ziel wird auch von Seiten der DGINA als sinnvoll erachtet und unterstützt!
 
Ersteinschätzung mittels SmED am gemeinsamen Tresen
Die KBV plant zusätzlich, SmED auch am gemeinsamen Tresen zu implementieren und hierfür die SmED Version der telefonischen Ersteinschätzung anzupassen. Patienten sollen damit an „bedarfsgerechte Versorgungssettings“ verwiesen werden und dies gegebenenfalls auch ohne vorherigen Arztkontakt im Notfallzentrum.
Die DGINA warnt: Diese „Tresen-Version“ von SmED ist eine Neuentwicklung und wurde bisher noch nirgendwo eingesetzt. Sie ist im Gegensatz zu den etablierten Ersteinschätzungssystemen MTS / ESI nicht wissenschaftlich validiert. Die DGINA hat mehrfach auf die aktuell gravierenden methodischen Mängel in der Erprobung dieser SmED Version hingewiesen. Auf Basis eines solchen Systems dürfen keine Patienten ohne ärztliche Sichtung vom gemeinsamen Tresen weggeschickt werden!
 
Bewährte Ersteinschätzungs-Systeme in den Notaufnahmen
Die Notaufnahmen in Deutschland verfügen über bereits fest etablierte und nach wissenschaftlichen Maßstäben validierte Triage-Methoden, die eine rasche Priorisierung und Ressourcenabschätzung aller Akut- und Notfallpatienten ermöglichen.
Derzeit werden in den Notaufnahmen in Deutschland fast alle Patienten entweder nach dem Emergency Severity Index (ESI) oder nach der Manchester Triage Scale (MTS) einer medizinischen Erstsichtung zugeführt. Ziel dieser international etablierten Triagemethoden ist es, den „Hochrisikopatienten“ sofort zu identifizieren und zum anderen die Behandlungsdringlichkeit in einem Zeitrahmen von „sofortigem Arztkontakt“, nach „10 Minuten“ oder maximal nach „2 h“ zu realisieren.
Seit mehr als fünfzehn Jahren werden diese Triagemethoden durch erfahrene und geschulte Notfallpflegekräfte umgesetzt. Zahlreiche Studien untermauern die Validität dieser Methoden vor allem auch für Kinder und ältere oder geriatrische Patienten.
 
Im G-BA Beschluss vom April 2018 wird zudem gefordert, dass jeder Patient nach Ankunft in einer Notaufnahme innerhalb von 10 Minuten triagiert werden muss. Dieser Qualitätsindikator stellt vor allem in sogenannten „Überflutungssituationen“ (Crowding) einen wesentlichen Sicherheitsaspekt dar, wenn es darum geht vor allem zeitkritische und schwer kranke Patienten sofort zu erkennen. Die in Deutschland etablierten Triage-Methoden MTS und ESI haben sich diesbezüglich bewährt, da die Triage zwischen 15 Sekunden und maximal 2 Minuten in Anspruch nimmt. Daher sollten diese validierten Ersteinschätzungssysteme auch am gemeinsamen Tresen eingesetzt werden, wie die DGINA bereits in einem Positionspapier dargelegt hat (Link zum Positionspapier "Ersteinschätzung").
 
Position der DGINA: Die sichere Identifikation von Hochrisikopatienten hat am gemeinsamen Tresen höchste Priorität!
Die DGINA lehnt die Einführung einer SmED-Version für den gemeinsamen Tresen vor allem aus folgenden Gründen ab:
 
1) Kein Patient, der aus einer Notlage heraus ein Notfallzentrum aufsucht, darf ohne Arztkontakt weggeschickt werden.
 
2) Eine zusätzliche Ersteinschätzung mittels SmED vorder Triage mit den etablierten Systemen MTS oder ESI ist ineffizient, kostet Zeit und gefährdet somit die Patientensicherheit.
 
3) Die Etablierung eines nicht validierten Systems zur Ersteinschätzung von Patienten gefährdet die Patientensicherheit.

4) Die Qualifikation der ersteinschätzenden „Gesundheitsfachberufe“ der KV ist nicht definiert. Eine Ersteinschätzung darf nur durch erfahrene Notfallpflegende oder Ärzte durchgeführt werden.
 
5) Im GBA-Beschluss zur Stufung der stationären Notfallversorgung ist gefordert, dass Patienten, die eine Notaufnahme aufsuchen innerhalb von 10 Minuten mittels eines validierten Systems triagiert werden müssen. Diese Anforderung erfüllt SmED nicht.
 
Fazit: Die DGINA warnt vor der Einführung eines wissenschaftlich nicht validierten Ersteinschätzungssystems und lehnt die Einführung von SmED am gemeinsamen Tresen in einem Notfallzentrum ab. Die etablierten, validierten Systeme MTS und ESI sind besser geeignet, Hochrisikopatienten zu detektieren und können bereits jetzt am gemeinsamen Tresen eingesetzt werden. Patienten ohne Arztkontakt aufgrund einer Ersteinschätzung mit SmED wegzuschicken, gefährdet nicht nur die Patientensicherheit, sondern ist auch juristisch höchst fragwürdig.


Autor: DGINA Vorstand
Abteilung: Vorstand
Veröffentlicht: 05.04.2019



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Information zur derzeitigen Entwicklung „Ersteinschätzung“

Nach Plänen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) soll zukünftig „Gesundheitsfachpersonal“ am gemeinsamen Tresen vor den Notaufnahmen die Ersteinschätzung aller Selbsteinweiser vornehmen. Hierzu soll eine Version eines neuen bisher nicht validierten Triage-Instruments mit dem Namen SmED (Systematische medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) angewandt werden.
Die Logik der Tresen-Version von SmED fokussiert auf Niedrigrisikopatienten und wird derzeit noch kontinuierlich in wesentlichen Punkten verändert. Deshalb warnt die DGINA vor einer systematischen Anwendung. Insbesondere darf ein solches System nicht dazu eingesetzt werden, Patienten wegzuschicken, die aus einer empfundenen Notlage heraus ein Notfallzentrum aufsuchen, ohne dass ein ärztlicher Kontakt stattgefunden hat.
Die DGINA warnt: Der Einsatz von SmED am "gemeinsamen Tresen" birgt viele Risiken für die Patientensicherheit!
 
Um Hochrisikopatienten am gemeinsamen Tresen sicher identifizieren zu können, fordert die DGINA die bereits in Notaufnahmen etablierten Triagemethoden wie das Manchester Triage System (MTS) oder den Emergency Severity Index (ESI). Qualifizierte Notfallpflegende garantieren hierbei die zuverlässige Anwendung.
 
Ausgangslage und Auftrag der Gesundheits-Politik
Zur Neuorganisation der Notfallversorgung wird gesundheitspolitisch eine bessere Steuerung der Akut- und Notfallpatienten gefordert*. Im Fokus stehen dabei, eine standardisierte medizinische Erstberatung durch die Notfallnummer 116 117 und eine sogenannte „Tresen Triage“ in den interdisziplinären Notfallzentren, die eine Kooperation zwischen kassenärztlichen Notdienst und Zentraler Notaufnahme darstellen.
(*SVR Gutachten 2018 und Eckpunktepapier 2018 des Bundesministeriums für Gesundheit)
 
Ersteinschätzung mittels SmED am Telefon - Notfallnummer 116 117 
In den KV-Telefonnotrufzentralen, die über die 116 117 erreichbar sind, soll deutschlandweit ein einheitliches Triage-Instrument etabliert werden. Dieses Instrument nennt sich Systematische medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) und ist von dem Schweizer System SMASS aus der Telefonberatung abgeleitet. Derzeit wird SmED im medizinischen Beirat des ZI unter Mitwirkung von Experten für die Telefon-Triage hinsichtlich der Praktikabilität und Akzeptanz erprobt.
 Durch diese systematische Ersteinschätzung am Telefon sollen die Patienten beispielsweise dem Rettungsdienst, einer ambulanten Behandlung oder einer telefonischen ärztlichen Beratung zugeführt werden. Dieses Ziel wird auch von Seiten der DGINA als sinnvoll erachtet und unterstützt!
 
Ersteinschätzung mittels SmED am gemeinsamen Tresen
Die KBV plant zusätzlich, SmED auch am gemeinsamen Tresen zu implementieren und hierfür die SmED Version der telefonischen Ersteinschätzung anzupassen. Patienten sollen damit an „bedarfsgerechte Versorgungssettings“ verwiesen werden und dies gegebenenfalls auch ohne vorherigen Arztkontakt im Notfallzentrum.
Die DGINA warnt: Diese „Tresen-Version“ von SmED ist eine Neuentwicklung und wurde bisher noch nirgendwo eingesetzt. Sie ist im Gegensatz zu den etablierten Ersteinschätzungssystemen MTS / ESI nicht wissenschaftlich validiert. Die DGINA hat mehrfach auf die aktuell gravierenden methodischen Mängel in der Erprobung dieser SmED Version hingewiesen. Auf Basis eines solchen Systems dürfen keine Patienten ohne ärztliche Sichtung vom gemeinsamen Tresen weggeschickt werden!
 
Bewährte Ersteinschätzungs-Systeme in den Notaufnahmen
Die Notaufnahmen in Deutschland verfügen über bereits fest etablierte und nach wissenschaftlichen Maßstäben validierte Triage-Methoden, die eine rasche Priorisierung und Ressourcenabschätzung aller Akut- und Notfallpatienten ermöglichen.
Derzeit werden in den Notaufnahmen in Deutschland fast alle Patienten entweder nach dem Emergency Severity Index (ESI) oder nach der Manchester Triage Scale (MTS) einer medizinischen Erstsichtung zugeführt. Ziel dieser international etablierten Triagemethoden ist es, den „Hochrisikopatienten“ sofort zu identifizieren und zum anderen die Behandlungsdringlichkeit in einem Zeitrahmen von „sofortigem Arztkontakt“, nach „10 Minuten“ oder maximal nach „2 h“ zu realisieren.
Seit mehr als fünfzehn Jahren werden diese Triagemethoden durch erfahrene und geschulte Notfallpflegekräfte umgesetzt. Zahlreiche Studien untermauern die Validität dieser Methoden vor allem auch für Kinder und ältere oder geriatrische Patienten.
 
Im G-BA Beschluss vom April 2018 wird zudem gefordert, dass jeder Patient nach Ankunft in einer Notaufnahme innerhalb von 10 Minuten triagiert werden muss. Dieser Qualitätsindikator stellt vor allem in sogenannten „Überflutungssituationen“ (Crowding) einen wesentlichen Sicherheitsaspekt dar, wenn es darum geht vor allem zeitkritische und schwer kranke Patienten sofort zu erkennen. Die in Deutschland etablierten Triage-Methoden MTS und ESI haben sich diesbezüglich bewährt, da die Triage zwischen 15 Sekunden und maximal 2 Minuten in Anspruch nimmt. Daher sollten diese validierten Ersteinschätzungssysteme auch am gemeinsamen Tresen eingesetzt werden, wie die DGINA bereits in einem Positionspapier dargelegt hat (Link zum Positionspapier "Ersteinschätzung").
 
Position der DGINA: Die sichere Identifikation von Hochrisikopatienten hat am gemeinsamen Tresen höchste Priorität!
Die DGINA lehnt die Einführung einer SmED-Version für den gemeinsamen Tresen vor allem aus folgenden Gründen ab:
 
1) Kein Patient, der aus einer Notlage heraus ein Notfallzentrum aufsucht, darf ohne Arztkontakt weggeschickt werden.
 
2) Eine zusätzliche Ersteinschätzung mittels SmED vorder Triage mit den etablierten Systemen MTS oder ESI ist ineffizient, kostet Zeit und gefährdet somit die Patientensicherheit.
 
3) Die Etablierung eines nicht validierten Systems zur Ersteinschätzung von Patienten gefährdet die Patientensicherheit.

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