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Notfallversorgung in Gefahr - DGINA fordert Reform finanzieller und struktureller Rahmenbedingungen

Notaufnahmen in Krankenhäusern sind die tragende Säule der ambulanten Notfallversorgung. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) beauftragt hat. Zugleich macht es deutlich, dass eine Weiterentwicklung in diesem Bereich dringend nötig ist, um auch in Zukunft eine hohe Versorgungsqualität sicherstellen zu können. Denn bereits heute sind Notaufnahmen in vielen Regionen Deutschlands massiv überlastet. Sie können die an sie gestellte Aufgabe, alle Notfallpatienten rasch und kompetent zu versorgen, nicht mehr erfüllen. Die Folge sind lange Wartezeiten und eine steigende Gefahr für Behandlungsfehler. Eine Ursache dafür ist die unzureichende Vergütung des umfangreichen Leistungsangebotes moderner Notaufnahmen. Besonders unterfinanziert ist dabei der Bereich der ambulanten Notfallversorgung, wie das Gutachten von DKG und DGINA zeigt.

Für das »Gutachten zur ambulanten Notfallversorgung im Krankenhaus – Fallkostenkalkulation und Strukturanalyse« wurden im Rahmen einer aufwendigen Kalkulation die fallbezogenen Kosten- und Leistungsdaten von insgesamt 612.070 ambulanten Notfällen aus 55 deutschen Krankenhäusern erhoben und analysiert.

 

Milliarden-Defizit bei ambulanter Notfallversorgung

»Das Gutachten zeigt einerseits die hohe Versorgungsqualität der Notaufnahmen in Deutschland. Gleichzeitig stellt diese Situation aber immer mehr Kliniken vor ernsthafte Probleme«, warnt der Generalsekretär der DGINA, Dr. Timo Schöpke. Denn der Betrieb einer Notaufnahme, die rund um die Uhr umfangreiche Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten vorhält, sei wesentlich teurer, als der Betrieb einer Arztpraxis, erklärt der Notfallmediziner. Allerdings würde bei der Vergütung ambulanter Leistungen bislang kein Unterschied gemacht: »Unabhängig davon, wann und wo ein Notfall ambulant versorgt wird, werden lediglich die durchschnittlichen Kosten einer Arztpraxis zu regulären Sprechstundenzeiten erstattet. Die etwa viermal so hohen Kosten der Krankenhäuser sind nicht gedeckt.« Allein dadurch ergebe sich bundesweit ein jährlicher Fehlbetrag von rund einer Milliarde Euro für die Kliniken. Und der wirtschaftliche Schaden steigt weiter, denn jedes Jahr suchen mehr Patienten die Notaufnahmen von Krankenhäusern auf. Bereits heute sind es mehr als 20 Millionen Menschen pro Jahr.

 

Zentralisierte Notfallversorgung vereinfacht Behandlung

Im Gutachten konnten drei Gruppen von Patienten identifiziert werden: Gut 40 Prozent aller Notfälle müssen stationär versorgt, also im Krankenhaus aufgenommen, werden. Etwa weitere 40 Prozent können nach einer ambulanten Behandlung in der Notaufnahme sofort entlassen werden. Allerdings werden bei ihnen spezifische Leistungen eines Krankenhauses benötigt, die im Notfall weder in einer Arztpraxis noch in einer Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) unverzüglich erbracht werden könnten. Dazu gehören beispielsweise Röntgen-, CT- oder Laboruntersuchungen sowie weitere fachspezifische und fachübergreifende Behandlungen – etwa durch Unfallchirurgen, Gynäkologen oder Kinderärzte. Zu dieser Gruppe gehören auch die Patienten, die mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden, die aber dank der aufwendigen Behandlungen in den Notaufnahmen nicht stationär aufgenommen werden müssen. Lediglich 20 Prozent der Patienten – also jeder Fünfte – hätte eigentlich auch ambulant in einer Arztpraxis behandelt werden können. Diese Möglichkeit ist aber nachts und an Wochenenden nicht überall oder nicht durchgehend vorhanden, wie aus dem Gutachten hervorgeht.

Die DGINA fordert daher ein einfach zu durchschauendes Notfallsystem, bei dem die Patienten unter anderem von einem zentralen Anlaufpunkt für die Notfallversorgung profitieren: »Dafür muss die Zusammenarbeit der kassenärztlichen Bereitschaftspraxen mit den Notaufnahmen dringend institutionalisiert und ausgebaut werden – so wie es auch im Versorgungsstärkungsgesetz gefordert wird. Die Umsetzung muss zusätzlich vom Gesetzgeber kontrolliert werden«, sagt der Generalsekretär der Fachgesellschaft. Allerdings seien die vorgeschlagenen Kooperationen nicht unproblematisch: »Labor- und Röntgendiagnostik, aber auch andere Leistungen, wie Gipsverbände oder eine Kreislaufüberwachung, werden auch weiterhin im Krankenhaus stattfinden müssen – nämlich immer dann, wenn Notfallpatienten am Ort ihrer Vorstellung eben keinen niedergelassenen Arzt mit entsprechender Qualifikation antreffen. Doch eine entsprechende Kostendeckung sieht der Gesetzesentwurf nicht vor. Damit wird die finanzielle Belastung für die Kliniken auch in den kommenden Jahren weiter steigen«, bedauert Schöpke. Er bezweifelt, dass unter diesen Bedingungen künftig noch ausreichend Krankenhäuser in der Lage sein werden, eine qualitativ hochwertige Notfallversorgung zu gewährleisten.

 

Sicherstellungsauftrag wahrnehmen – überall und jederzeit

Wie ›Die Welt‹ berichtet, weisen Kassenärzte die Kritik der DKG zurück: Der Bereitschaftsdienst werde bundesweit flächendeckend sichergestellt. Außerhalb der Sprechzeiten der Praxen sei die bundesweite Bereitschaftsdienstnummer 116117 erreichbar. »Die Klagen der DKG zeigen, dass die Krankenhäuser schon jetzt überfordert sind und eine weitere Öffnung für ambulante Leistungen erst recht nicht verkraften können", sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Dazu Timo Schöpke: »Die ›Überforderung‹ resultiert vor allem aus der unzureichenden Finanzierung derjenigen ambulanten Leistungen, die zwingend in Krankenhäusern erbracht werden müssen – etwa bei der Versorgung von Patienten, die vom Rettungsdienst eingewiesen werden. Hierfür stehen in Krankenhäusern nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung. Denn bislang vereinbart allein die Kassenärztliche Vereinigung die Vergütung ambulanter Leistungen mit den Krankenkassen. Kosten, die Krankenhäusern aus ambulanten Notfallleistungen entstehen, werden dabei nicht berücksichtigt.« Aus Sicht der DGINA bestehe seitens der Notfallmediziner überhaupt kein Interesse, sich für weitere ambulante Leistungen zu öffnen. Im Gegenteil: Es wäre wünschenswert, wenn die kassenärztlichen Vereinigungen ihren Sicherstellungsauftrag für die ambulante Notfallversorgung verstärkt wahrnehmen würden – überall und jederzeit. Eine Telefonnummer reiche dafür nicht aus.

 

Medizinische Notfallversorgung als wichtiger Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge

Abschließend fasst Schöpke zusammen: »Durch die Verbindung ökonomischer Aspekte mit der Versorgungsrealität bietet das Gutachten eine einzigartige, datenbasierte Diskussionsgrundlage für die dringend notwendige Weiterentwicklung – nicht nur der ambulanten Notfallversorgung. Alle Leistungen, die zwingend in Notaufnahmen erbracht werden müssen, müssen auch kostendeckend finanziert werden.« Dafür sei es wichtig, die klinische Notfallversorgung endlich als Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge anzuerkennen. Ähnlich wie Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste müsste sie dafür aus einem ausreichend hohen Budget finanziert werden, das sie in die Lage versetzt, stets alle notwendigen Ressourcen vorzuhalten, so der DGINA-Generalsekretär.


Autor: Marten Scheibel
Abteilung: Pressestelle
Veröffentlicht: 18.11.2016



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Für das »Gutachten zur ambulanten Notfallversorgung im Krankenhaus – Fallkostenkalkulation und Strukturanalyse« wurden im Rahmen einer aufwendigen Kalkulation die fallbezogenen Kosten- und Leistungsdaten von insgesamt 612.070 ambulanten Notfällen aus 55 deutschen Krankenhäusern erhoben und analysiert.

 

Milliarden-Defizit bei ambulanter Notfallversorgung

»Das Gutachten zeigt einerseits die hohe Versorgungsqualität der Notaufnahmen in Deutschland. Gleichzeitig stellt diese Situation aber immer mehr Kliniken vor ernsthafte Probleme«, warnt der Generalsekretär der DGINA, Dr. Timo Schöpke. Denn der Betrieb einer Notaufnahme, die rund um die Uhr umfangreiche Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten vorhält, sei wesentlich teurer, als der Betrieb einer Arztpraxis, erklärt der Notfallmediziner. Allerdings würde bei der Vergütung ambulanter Leistungen bislang kein Unterschied gemacht: »Unabhängig davon, wann und wo ein Notfall ambulant versorgt wird, werden lediglich die durchschnittlichen Kosten einer Arztpraxis zu regulären Sprechstundenzeiten erstattet. Die etwa viermal so hohen Kosten der Krankenhäuser sind nicht gedeckt.« Allein dadurch ergebe sich bundesweit ein jährlicher Fehlbetrag von rund einer Milliarde Euro für die Kliniken. Und der wirtschaftliche Schaden steigt weiter, denn jedes Jahr suchen mehr Patienten die Notaufnahmen von Krankenhäusern auf. Bereits heute sind es mehr als 20 Millionen Menschen pro Jahr.

 

Zentralisierte Notfallversorgung vereinfacht Behandlung

Im Gutachten konnten drei Gruppen von Patienten identifiziert werden: Gut 40 Prozent aller Notfälle müssen stationär versorgt, also im Krankenhaus aufgenommen, werden. Etwa weitere 40 Prozent können nach einer ambulanten Behandlung in der Notaufnahme sofort entlassen werden. Allerdings werden bei ihnen spezifische Leistungen eines Krankenhauses benötigt, die im Notfall weder in einer Arztpraxis noch in einer Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) unverzüglich erbracht werden könnten. Dazu gehören beispielsweise Röntgen-, CT- oder Laboruntersuchungen sowie weitere fachspezifische und fachübergreifende Behandlungen – etwa durch Unfallchirurgen, Gynäkologen oder Kinderärzte. Zu dieser Gruppe gehören auch die Patienten, die mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden, die aber dank der aufwendigen Behandlungen in den Notaufnahmen nicht stationär aufgenommen werden müssen. Lediglich 20 Prozent der Patienten – also jeder Fünfte – hätte eigentlich auch ambulant in einer Arztpraxis behandelt werden können. Diese Möglichkeit ist aber nachts und an Wochenenden nicht überall oder nicht durchgehend vorhanden, wie aus dem Gutachten hervorgeht.

Die DGINA fordert daher ein einfach zu durchschauendes Notfallsystem, bei dem die Patienten unter anderem von einem zentralen Anlaufpunkt für die Notfallversorgung profitieren: »Dafür muss die Zusammenarbeit der kassenärztlichen Bereitschaftspraxen mit den Notaufnahmen dringend institutionalisiert und ausgebaut werden – so wie es auch im Versorgungsstärkungsgesetz gefordert wird. Die Umsetzung muss zusätzlich vom Gesetzgeber kontrolliert werden«, sagt der Generalsekretär der Fachgesellschaft. Allerdings seien die vorgeschlagenen Kooperationen nicht unproblematisch: »Labor- und Röntgendiagnostik, aber auch andere Leistungen, wie Gipsverbände oder eine Kreislaufüberwachung, werden auch weiterhin im Krankenhaus stattfinden müssen – nämlich immer dann, wenn Notfallpatienten am Ort ihrer Vorstellung eben keinen niedergelassenen Arzt mit entsprechender Qualifikation antreffen. Doch eine entsprechende Kostendeckung sieht der Gesetzesentwurf nicht vor. Damit wird die finanzielle Belastung für die Kliniken auch in den kommenden Jahren weiter steigen«, bedauert Schöpke. Er bezweifelt, dass unter diesen Bedingungen künftig noch ausreichend Krankenhäuser in der Lage sein werden, eine qualitativ hochwertige Notfallversorgung zu gewährleisten.

 

Sicherstellungsauftrag wahrnehmen – überall und jederzeit

Wie ›Die Welt‹ berichtet, weisen Kassenärzte die Kritik der DKG zurück: Der Bereitschaftsdienst werde bundesweit flächendeckend sichergestellt. Außerhalb der Sprechzeiten der Praxen sei die bundesweite Bereitschaftsdienstnummer 116117 erreichbar. »Die Klagen der DKG zeigen, dass die Krankenhäuser schon jetzt überfordert sind und eine weitere Öffnung für ambulante Leistungen erst recht nicht verkraften können", sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Dazu Timo Schöpke: »Die ›Überforderung‹ resultiert vor allem aus der unzureichenden Finanzierung derjenigen ambulanten Leistungen, die zwingend in Krankenhäusern erbracht werden müssen – etwa bei der Versorgung von Patienten, die vom Rettungsdienst eingewiesen werden. Hierfür stehen in Krankenhäusern nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung. Denn bislang vereinbart allein die Kassenärztliche Vereinigung die Vergütung ambulanter Leistungen mit den Krankenkassen. Kosten, die Krankenhäusern aus ambulanten Notfallleistungen entstehen, werden dabei nicht berücksichtigt.« Aus Sicht der DGINA bestehe seitens der Notfallmediziner überhaupt kein Interesse, sich für weitere ambulante Leistungen zu öffnen. Im Gegenteil: Es wäre wünschenswert, wenn die kassenärztlichen Vereinigungen ihren Sicherstellungsauftrag für die ambulante Notfallversorgung verstärkt wahrnehmen würden – überall und jederzeit. Eine Telefonnummer reiche dafür nicht aus.

 

Medizinische Notfallversorgung als wichtiger Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge

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