Sichtungsverfahren in Notaufnahmen: Diagnose in zwei Minuten gefährdet Patientensicherheit

Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) fordern die Kliniken auf, ab April dieses Jahres ein sogenanntes »Sichtungsverfahren« durchzuführen. Für Ärzte in Notaufnahmen bedeutet das, dass sie künftig innerhalb weniger Minuten und ohne Untersuchung entscheiden müssen, ob ein Patient stationär aufgenommen werden muss oder ambulant – und damit außerhalb der Klinik – behandelt werden kann.

Die KVen wollen damit erreichen, dass Kliniken Patienten nicht mehr ambulant in ihren Notaufnahmen behandeln. Ihr Vorgehen begründen sie mit der Tatsache, dass die ambulante Notfallbehandlung von Erkrankten und Verletzten grundsätzlich zu den Aufgaben der niedergelassenen KV-Ärzte und des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes gehöre. »Mit dieser – formal zwar korrekten – Argumentation haben die KVen jeglichen Bezug zur Realität der aktuellen Gesundheitsversorgung verloren«, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) Prof. Dr. Christoph Dodt. Denn fast überall in Deutschland stünde kein umfassendes hausärztliches Netzwerk zur Verfügung, mit dem die Notfall- und Akutversorgung ausreichend gesichert werden könne.

In der Zeit zwischen 21 und 8 Uhr sichern nahezu deutschlandweit allein die Notaufnahmen der Kliniken die ambulante Notfallversorgung. Hausarztpraxen seien vielerorts immer schlechter erreichbar und verfügbar – sowohl in ländlichen Gebieten, als auch in der Stadt. Im Falle einer Weiterleitung gäbe es seitens der Hausarztpraxen keine Übernahmeverantwortung, sodass die Patienten drohen, zwischen den Gesundheitssektoren Schaden zu erleiden. Gleiches gelte auch für die Bereitschaftsdienste, die in den vergangenen Jahren durch ein teures Poolarztsystem künstlich am Leben gehalten wurden.



Schnellverfahren mit unkalkulierbaren Risiken für Patienten

Zugleich sieht die DGINA die Patientensicherheit in Deutschland zunehmend gefährdet. Laut Schätzungen der Fachgesellschaft würden mehr als ein Drittel aller Selbsteinweiser als Hochrisiko- oder Risikopatienten eingeschätzt. Ein Großteil benötige zudem die Ressourcen eines Krankenhauses. Jeder fünfte müsse stationär aufgenommen werden.

»Im vordergründigen finanziellen Eigeninteresse ihrer Mitglieder setzen die KVen Notfallpatienten mit dem Schnellverfahren unkalkulierbaren Risiken aus«, warnt Dodt. Denn rechnerisch entspräche die Vergütung des Sichtungsverfahrens einer ärztlichen Arbeitszeit von zwei Minuten. In dieser Zeit könne keine ausreichende Untersuchung oder Diagnose geleistet werden. Die KVen in Deutschland provozieren damit Entscheidungen, die mit ärztlicher Verantwortung und Sorgfaltspflicht unvereinbar seien.

»Wir spielen mit dem Leben unserer Patienten, wenn wir uns an die Vorgaben der KVen halten«, macht der DGINA-Präsident deutlich. »Niemand kann innerhalb von zwei Minuten und ohne jegliche körperliche oder apparative Diagnostik sicher entscheiden, ob ein akut vital bedrohendes Krankheitsbild vorliegt. Viele scheinbar harmlose Symptome sind vieldeutig, sodass die Verweigerung einer weiteren Untersuchung und Behandlung schnell zu einer lebensgefährlichen Situation für die den Notaufnahmen anvertrauten Menschen führen kann.«


Notaufnahmen nehmen Patienten und ihre Sorgen auch künftig ernst

Unabhängig von den Plänen der KVen werden die Notaufnahmen an deutschen Krankenhäusern ihre Patienten auch künftig unter keinen Umständen medizinischen Risiken aussetzen. Ein solches Handeln stünde in direktem Widerspruch zum obersten Gebot des Hippokratischen Eides, Patienten nicht zu schaden, so Dodt. Der DGINA-Präsident macht deutlich, dass Notaufnahmen Patienten weiterhin sorgfältig und angemessen behandeln würden. Denn ihre Gesundheit und ihr Leben hätten Vorrang vor Profit.


Autor: Marten Scheibel
Abteilung: Pressestelle
Veröffentlicht: 24.03.2017


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